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ArtParis + Guests: Umkrempeln und durchlüften

Die Abstimmung mit den Füßen dürfte die ARTPARIS + GUESTS gewonnen haben. Als am Mittwoch nach Feierabend das Vernissage-Fußvolk in das ohnehin schon gut gefüllte Grand Palais strömte, nahm die Schlange der VIPs Ausmaße an, die man sonst nur von Pop-Konzerten und ähnlichen Veranstaltungen gewohnt ist. Ob die Kunstmesse unter der neuen künstlerischen Leitung von Lorenzo Rudolf auch kommerziell ein Erfolg wird, kann wohl erst die Zukunft erweisen. Immerhin konnte der umtriebige Schweizer einige alte Messehasen von seinem neuen Konzept überzeugen. Die alte Art Paris soll nämlich nichts weniger als den Kunstmarkt umkrempeln. Die Teilnehmer sind aufgefordert, die übliche Praxis aufzugeben, die darin besteht, ihre Kojen mit einer mehr oder weniger gelungenen Auswahl aus Galerieprogramm zu füllen und statt dessen frei über die Möglichkeiten kommerzieller Kunstvermittlung nachzudenken. Michael Schultz, Berliner Galerist, der inklusive seiner Filialen in Seoul und Peking rund acht Messen im Jahr mitmacht, erklärt: „Normalerweise sind wir ja in Dubai zu dieser Zeit, aber Lorenzo hat mich überzeugt.“ Auch von der Ausführung ist er insgesamt angetan: „An dem Konzept muss noch ein wenig gearbeitet werden, aber ich finde es sehr spannend, besonders die Interdisziplinarität. Ich denke schon, dass es ein Modell für die Zukunft ist.“ Was mit Interdisziplinarität gemeint ist, lässt sich am besten am Nachbarstand demonstrieren. Katie de Tilly hat mit ihrer Hong Konger Galerie 10 Chancrey Lane ein Künstler-Kollektiv eingeladen, das nicht nur mit seiner Free Style Performance den üblichen Rahmen sprengt, sondern auch in seiner künstlerischen Praxis neue Wege geht. Die Vietnamesen um den in Los Angeles ausgebildeten Tuan Andrew Nguyen nutzen viele Kanäle wie Internetvideo, Design, Werbung, Graffiti und andere Elemente der Straßenkultur, um das Außenbild ihres Heimatlandes zu verändern und Vietnam sozusagen medial neu zu erfinden. Doch es reichen auch schon weniger radikale Präsentationen, um frischen Wind in die kommerzielle Kunstvermittlung zu bringen. So haben sich etwa fünf Pariser Galerien zusammengetan, um ein imaginäres Appartment eines Sammler im noblen Viertel Saint-Germain des Pres, in dem sie residieren, einzurichten. Die Galerie Lélia Mordoch aus Paris hat mit ihrem Gast Espaces 54 aus ihrem Stand eine Maison cinétique gemacht, in dem quietschbunte Design-Objekte und Werke der Op Art vereint sind. Die Idee wurde auch prompt belohnt: Schon beim Wohltätigkeits-Essen am Vorabend konnten die Pariser erste Objekte verkaufen. Auf der Eröffnung selbst schlug die Stunde von Ernst Hilger aus Wien, der rund 20 kleine Collagen von Errò vermitteln konnte. Die meisten Kunden hätten jeweils drei genommen, verkündet er. Die aktuelle Ausstellung im Centre Pompidou dürfte da wohl verkaufsfördernd gewirkt haben. Doch nicht jeder ist begeistert. Carlo Repetto aus Acqui Terme etwa ist skeptisch. Es werde immer moderner, beklagt er sich. Früher habe es viel mehr Aussteller mit Nachkriegskunst und Klassischer Moderne gegeben. Sammler seiner Periode kämen vielleicht dieses Jahr noch, aber danach vielleicht nicht mehr. Diese Entwicklung ist jedoch nicht Folge der neuen Messeform, sondern vielmehr ein Grund für ihr Entstehen. Ursache ist die Konkurrenz zur übermächtigen Fiac im Herbst, nach deren Umzug von der Peripherie ins Grand Palais immer mehr wichtige Händler abgeworben wurden. Allerdings hätte es Repetto auch freigestanden, sich mit einer medienwirksamen Sonderschau ins Gespräch zu bringen, statt seinen konventionellen Gemischtwarenladen zu zeigen. So wird es wohl noch eine Weile dauern, bis der frische alle Galeristenhirne – und die der anderen Messemacher - durchgelüftet hat. Bis dahin hat die ARTPARIS + GUESTS noch einen Vorsprung. Den muss sie auch nutzen, um bessere und vor allem mehr internationale Galerien von einer Teilnahme zu überzeugen.
ArtParis + Guests
18 - 22.03.2010

Grand Palais
75008 Paris, Avenue Winston Churchill
https://www.biennale-paris.com/
Öffnungszeiten: täglich 11-21 h


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