Ana Berlin,
The Third Mind: Carte Blanche
In der Oktober-Ausgabe von "Frieze" moniert der ehemalige MOMA-Kurator, Biennale Venedig Direktor und jetziger Dean des Art-Department in Yale Robert Storr, dass viele Top-Positionen im Ausstellungsbetrieb mit Technokraten anstatt kreativen Visionären besetzt werden. Fund-Raising und Sponsorenkontakte knüpfen sind Schlüsselaufgaben des heutigen Museumsmachers; dies schien auch der Hintergrund bei der letztjährgien Bestellung des Palais de Tokyo-Leiters, dem Schweizer Olivier Wahler. Die Pointe von der Geschichte: stehen dem Haus keine "Visionäre" vor, muss auch nicht jede Ausstellung von der Direktion zusammengetragen werden, man hat keine Scheu "Kernkompetenzen abzugeben". Und dies gereicht, so sieht man, den Präsentationen recht zum Vorteil. Wahler kümmert sich um Finanz und Budget und gibt das Kuratieren an Künstler-Freunde weiter: aktuell an seinen Landsmann Ugo Rondinone. Resultat: der Künstler als Kurator gestaltet eine der besten Gruppenausstellungen des Palais de Tokyo seit langem. Dies mag daran liegen, dass Rondinone nicht am laufenden Band Ausstellungen konzipieren muss und uns so mit viel Muße und persönlichem Engagement überraschende Zusammenstellungen und Entdeckungen beschert. Rondinone verwendet Exponate aus seiner Sammlung und verweist mit seiner Auswahl auch auf sein eigenes künstlerisches Spektrum.
Die Ausstellung borgt den Titel "The Third Mind" von einem nicht realisierten Buchprojekt der Beat-Autoren William S. Burrough und Brion Gysin. Zu sehen sind deren rare "cut-ups" - in Kollaboration entstandene Text-, Bildcollagen.
Rondinone arbeitet sich Raum für Raum vor und kreiert eine Atmosphäre, die sich am besten mit "unterschiedlich temperiert" beschreiben lässt. Er kombiniert zwei, drei Künstler zu Environments, die wie Kapitel innerhalb der Ausstellung funktionieren:
Bruno Gironcolis monumental-skurrile Skulpturen treffen auf filigrane, kleinformatige Sue Williams-"Makaberien". 92 bieder gemalte, leere Bahnhofs-Warteräume des Schweizers Jean Frederic Schnyder stehen barock-überschwänglichen Keramiken von Andrew Lord gegenüber, eine Auswahl von Warhols Screen-Test-Factory-Freunden (zu denen auch Edi Sedgwick, Lou Reed und Marcel Duchamp zählten) blicken einen mal stumm, mal fragend, mal eindringlich aus Monitoren an und passen so gut zu den Camera-obscura "Starfinger Angel" von Bruce Connor. Ein Raum ist dem vergessenen Joe Brainard gewidmet, der heute nicht mal bei Wikipedia auftaucht, aber in den 60igern eine intensive Phase hatte, in denen er hinreißend nostalgisch-bunt-kitischige Bildcollagen kreierte, bevor er seine Karriere als Künstler sein ließ und sich "ganz dem Lesen" widmete. Der schönste Raum von allen gehört den grandiosen Paul Thek-Skulpturen und den akribisch gezeichneten Ornamenten von Emma Kunz, die sich selbst als Heilerin sieht und Kartographien der Zukunft erstellt. Insgesamt versammelt Rondinone 31 KünstlerInnen und schafft einen Spannungsbogen an Eindrücken, wie nur selten von einer Ausstellung evoziert. Sehr erfreulich und ein Projekt, von dem man sich wünscht, dass es noch an vielen Orten gezeigt wird.
Mehr Texte von Ana Berlin
The Third Mind
29.09.2007 - 03.01.2008
Palais de Tokyo
75116 Paris, 13 avenue du président Wilson
Tel: +33-1-4723 5401, Fax: +33-1-4720 1531
Email: cotact@palaisdetokyo.com
http://www.palaisdetokyo.com
29.09.2007 - 03.01.2008
Palais de Tokyo
75116 Paris, 13 avenue du président Wilson
Tel: +33-1-4723 5401, Fax: +33-1-4720 1531
Email: cotact@palaisdetokyo.com
http://www.palaisdetokyo.com
Teilen


