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Wann haben Sie zum letzten Mal eine Kritik gelesen?

z.B. in einer österreichischen Tageszeitung? Ich meine so ein subjektiv gefärbtes und leserverständliches Qualitätsurteil einer Fachfrau oder eines Fachmanns über eine Ausstellung, ein Theaterstück oder eine Opernaufführung. Sicher - Weigel und Schmeller sind unvergessen, aber leider auch tot. Die hatten nicht nur noch Platz zum Schreiben. Die wussten auch, worüber sie schrieben und warum sie ihr Urteil so und nicht anders trafen und formulierten. War nicht immer konstruktive Kritik - aber immerhin Kritik. Der Leser konnte sich ein Bild machen, wenn er wollte. Die Künstler wussten, woran sie waren. Sicher - jetzt haben die über Kultur Schreibenden weniger Zeilen um zu berichten. Da fügte es sich gut, dass Kulturkritik als nicht mehr zeitgemäß von der bequemeren Berichterstattung abgelöst wurde. Also wird in Zeitungen nur mehr eventgemäß berichtet, welcher Schicki was gesehen oder welcher Micki was gekauft hat - und wichtig natürlich - zu welchem Preis. Oder der ORF zoglauert seine TV-Nachrichtenbezieher bereits während des Schlussapplauses einer Opernaufführung mit einem süffisanten Dreißigsekundenvernichtungsschachtelsatz nieder. Und all das wird immer mit der gleichen Gebetsmühlenbegründung der Schreiber- und Sprecherlinge entschuldigt - leider zu wenig Platz für uns sekundäre Kulturschaffenden. Robert Musil hat uns mit "Der Mann ohne Eigenschaften" ein tolles und vielseitiges Literaturdokument hinterlassen. Matsuo Basho hat uns zahlreiche wunderbare Haikus hinterlassen. Er und zahllose andere Haikudichter konnten mit 17 Silben die Inhaltlichkeit von Romanen auf das aufregendste und sinnlichste vermitteln. Wie auch ein zweizeiliger Aphorismus gleichwertig einer hundertseitigen Geschichte sein kann. Es wäre für alle Kunstschaffenden dienlich, wenn sich z.B. der eine oder andere Kunstjournalist bemühen würde, seinen interessierten Lesern das Werk eines Künstlers kritisch zu vermitteln - auch oder gerade wenn nur 12 Zeilen zur Verfügung stehen.

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