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Küba: Reise gegen den Strom: Schengen-Imperialismus

Was ist denn dieses "Küba", das, initiiert und organisiert von Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, in den Räumlichkeiten des wiederbelebten Jüdischen Theaters im 2. Bezirk seine Endstation gefunden hat? Nun: "Küba" ist 1. der Name eines Ghettos in Istanbul. Ist 2. der Titel eines eindrucksvollen Filmprojekts, das der längst über die Grenzen seiner Heimat bekannte türkische Video-Künstler Kutlug Ataman auf der Grundlage von Interviews und Gesprächen mit den Einwohnern dieses Viertels gemacht hat. Ist 3. ein umfangreiches Kunstprojekt, das ausgehend von der Verschiffung von Atamans Filmkunstwerk Europa donauaufwärts durchreiste und in jedem der Donauländer um einen "autochthonen" Beitrag einheimischer Künstler angereichert wurde. Und 4. der Titel jener Gruppenausstellung, die all das abschließend zusammenfasst - all das, das sind die Werke von insgesamt neun Künstlern bzw Künstlergruppierungen. Diese Werke zerfallen wiederum in drei Teile. Erstens: Die zentrale Präsentation von Atamans titelgebendem "Küba"-Projekt im verwitterten Jugendstil-Ambiente des zentralen Theatersaals - in Form einer Installation, die das Publikum zur Konzentration anhält: 40 alte Fauteuils vor 40 alten Fernsehapparaten, die jeweils mit einem Kopfhörer ausgestattet sind. Zusätzlich vermischen sich die Gespräche zu einem über den ganzen Raum ausgebreiteten monotonen Klangteppich. Zweitens eine Dokumentation der Schiffsreise durch den Fotografen Marius Hansen - ein künstlerisch eher unmotiviertes Element, das allerdings notwendig ist als Überleitung zu Teil 3, der Präsentation der sieben Projekte der Künstler aus den Donauländern. Sie verhalten sich zu Atamans Video-Installation wie eine Parallel-Ausstellung. Einige Arbeiten stechen hier durchaus heraus: Etwa der "Reisebericht" des Rumänen Matei Bejenaru - der mit seinen für die südosteuropäischen Bewohner konzipierten subversiven Anleitungen zur Ausreise in den Westen allerdings mehr Bedeutung als öffentliches Kunstprojekt denn in seiner Wiener Fassung hat. Oder "Agar", das "Ungarische Windhundprojekt" von Laslo Csaki & Szabolcs Palfi: eine beeindruckende Folge von Video-Fragmenten über die Hunderasse "Agar", die unter dem kommunistischen Regime trotz Verbots von Romas als heimliches Nationalsymbol gezüchtet wurde. Oder die 12 feinen Tintenzeichnungen mit den "Dezentralisierte Geschichten" des Bulgaren Nedko Solakov - sie sind ungleich subtiler als sein Hauptbeitrag einer Bar, deren hölzerne Einfassung die bulgarische Staatsgrenze zitiert. Und schließlich das von Emanuel Danesch und David Rych in den bereisten Staaten zusammengetragene Videoarchiv mit Filmen von Angehörigen ethnischer, kultureller oder politischer Minderheiten: Transsexuellen, Kurden, Roma, türkischen Zyprioten, Frauen, Obdachlosen. Es funktioniert auch in der kleinen Portiersloge, obwohl von den Künstlern als Vorführort eigentlich ein uralter Klein-Wohnwagen vorgesehen war - für den am Ende vom Magistrat keine Dauerparkgenehmigung erteilt wurde. So weit, so gut. Was der Schau leider brutal die Spitze nimmt, ist der feudale Gestus, mit dem sie daher kommt. Bevor der Besucher überhaupt mit Kunst in Berührung kommt, wird er erst einmal zu einem englisch-sprachigen Trailer über das Gesamtprojekt geschleust. Neben interessanten, aber allzu kurzen Künstlerdokumentationen erhält hier vor allem "Küba"- Produzentin Francesca Habsburg ihre Plattform. Die Ausstellung, die als Gesamtes ohnehin nur durch den Trick der Donaureise zusammengehalten wird, wirkt so auf unangenehme Weise instrumentalisiert. Dem entspricht, dass der Ausstellungsfolder wochenlang ausschließlich auf Englisch vorlag. Die Ausstellungshomepage tut das bis heute.
Küba: Reise gegen den Strom
25.06 - 09.09.2006

Theater Nestroyhof Hamakom
1020 Wien, Nestroyplatz 1


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