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Ein offener Brief

Liebe Frau Rollig, am 5. Mai erschien von Ihnen in Der Standard ein ziemlich frustriert klingender Kommentar mit dem Untertitel "Der Museumsbetrieb zwischen politischen Übergriffen und Finanzierungsdruck". Sie konstatieren darin wachsenden Populismus, wünschen sich Respekt und Wohlwollen seitens der Politiker, haben Probleme und Stress mit dem eingeforderten Sponsoring und fragen: "Warum sind zu viele ProtagonistInnen des Kunstbetriebs bereit, auf Zuruf der Politik zum Sprint in die Firmenzentralen zu starten?" Ich möchte gerne auf diese letzte Frage eingehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das so nicht immer war. Das ist wie die Geschichte von der Henne und dem Ei. Wer hat begonnen? Kamen nicht vielmehr einige Ihrer extrovertierten und grundeitlen EntertainerkollegInnen vor nicht allzu langer Zeit auf die Idee, mit durchaus hoher Begabung und medialer Unterstützung ihre mageren Budgets mit Sponsorengelder aufzufetten, um aus ihrem bisher Nur-Museum einen Kunst-Flagship-Store eigener Prägung mit immer blockbusterischen "Weltausstellungen" schaffen zu können? Um noch mehr durchaus zweifelhafte Anerkennung und noch mehr Sponsorengelder zu lukrieren? Und war es da nicht nahe liegend, dass sich die stets klamm gebenden Kulturpolitiker dachten, na wenn die mit ihrem lukrativen Egotrip solch einen Erfolg haben, dann deckeln wir einfach die Budgets und schauen, wer es am besten macht. Und am besten heißt - immer mehr mediale Öffentlichkeit mit immer mehr eventisierten Besuchern. Und wer von Ihren KollegInnen dieses politikwohlwollende Öffentlichkeitsimage hat, hegt und pflegt, der darf auch Sachen machen, für die die nicht so Begabten gefeuert würden. Z.B. ein Stückerl von einem Schiele wegfuzzeln lassen, weil er ohne Falte halt besser aussieht als mit. Liebe Frau Rollig derzeit geht es nun einmal mehr ums besser scheinen, als ums besser sein. Und zum besser scheinen gehört für eine Museumsdirektorin nicht mehr nur ihr Wissen über und Engagement für die Kunst. Schauen Sie sich einfach ein bissl in der Wiener Museumslandschaft um, studieren sie die Balzereien, Verdrehungen, Verwindungen und bruststolzgeschwellten Versprechungen Ihrer medial erfolgreichen Kollegen um für immer ultimativere Ausstellungsevents immer mehr Geld von der Wirtschaft aufzutreiben. Und dann werden Sie erkennen müssen, dass sie vielleicht fachlich eine richtige Museumsdirektorin sind - aber leider zur falschen Zeit. Aber dieses Schicksal teilen Sie ja mit sehr vielen KollegInnen aus der Kulturszene - angefangen von der kleinen Galerie bis hin zum großen Opernhaus. Und vielleicht können sie dann doch zustimmen, dass Peter Bogner in "Kunstgeschichte aktuell" bei Neuausschreibungen der Museumsleitungen die "natürlich erforderlichen Sponsorkonzepte" an die erste Stelle seines Anforderungsprofils reiht. Und sei es auch nur deshalb, damit sich zukünftige KollegInnen Ihren Frust ersparen. Denn hier und heute ist die Keilerfähigkeit leider Grundvoraussetzung für einen leitenden Museumsjob. Erst dann kommt die fachliche Qualifikation.

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