Ana Berlin,
Notre Histoire...: Spieltrieb
Als Jêrome Sans und Nicolas Bourriaud als erstes Direktorenteam das Palais de Tokyo 2002 übernahmen, trat man mit dem Anspruch an, der französischen Kunstszene einen experimentellen, projekt-orientierten Ausstellungsraum zu schaffen, der zeitgenössische (und hier vor allem französische) KünstlerInnen national und international positioniert. Bei der letzten Eröffnung unter der Leitung Sans/ Bourriaud muss man denn wohl auch Bilanz ziehen und obwohl es nicht ganz fair ist, die letzten Jahre ausschließlich an diesem "Ereignis" aufzuhängen, ist die Ausstellung "Notre Histoire" dennoch symptomatisch für den Programmverlauf unter Sans/ Bourriaud.
So wurde ein schriller, weitläufiger Kinder-Spielplatz inszeniert, ganz ähnlich dem unlängst für einige Wochen geöffneten Grand Palais, in dem ein Rummelplatz mit Riesenrad und Zuckerwatte temporär Platz fand. En detail darf man sich das so vorstellen: Medienkritik à la Wang Du, ist ein Altpapierberg - mit der Erkenntnis: was bleibt von all dem (Medien-)Wissen, bedrucktes Papier?! (Genauso abstrus sah schon letztes Jahr seine groß angelegte Ausstellung in eben diesen Räumen aus, also man sollte sich nichts Subtileres erwarten). Ähnlich eindimensional operiert der in Algerien geborene Adel Abdessemed mit seinem fotogenen, 17 Meter langen, und von einer Turbine verfolgten Skelett. Erstaunlicher Weise präsentieren selbst Künstler von denen bestechende, schlaue Arbeiten bekannt sind, hier kaum zu topende Profanitäten. So geschehen bei Bruno Peinado, der ein Scherenschnitt-Actionfilm-Karussell inszeniert. Bruno Serralongues Fotoarbeiten von Umwelt-Aktivisten suggerieren zwar per se ein Anliegen, in dem überhitzten Ambiente der Ausstellung, wirken sie aber auch nicht mehr lau als substanzvoll. Gewitzt und erfrischend unprätentiös nehmen sich da Mathieu Merciers Lichtskulptur und Olivier Balbins bemalte Bronze-Wassermelonen aus. Zur Ehrenrettung einzelner Arbeiten sei das Video von Mircea Cantor erwähnt, in welchem man einem 2003 in Tirana gedrehten Demonstrationsumzug mit Spiegeln, statt Transparenten beiwohnt und auch die traumwandlerische Installation von Titiana Trouvé entzieht sich der Banalität der restlichen Ausstellung.
Als Fazit lässt sich hoffen, dass Infantilitätsausbrüche à la Luna Park eine nur sehr temporäre Phase der französischen Kunstproduktion markiert und die direktorale Nachfolge mit dem Schweizer Marc Olivier Wahler eine frische, schärfere Brise durch das Palais de Tokyo wehen lässt.
Mehr Texte von Ana Berlin
Notre Histoire...
21.01. - 07.05.2006
Palais de Tokyo
75116 Paris, 13 avenue du président Wilson
Tel: +33-1-4723 5401, Fax: +33-1-4720 1531
Email: cotact@palaisdetokyo.com
http://www.palaisdetokyo.com
21.01. - 07.05.2006
Palais de Tokyo
75116 Paris, 13 avenue du président Wilson
Tel: +33-1-4723 5401, Fax: +33-1-4720 1531
Email: cotact@palaisdetokyo.com
http://www.palaisdetokyo.com
Teilen


