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Rineke Dijkstra: Fotografie essen Seele auf?

Eine groß angelegte Retrospektive der 1959 geborenen niederländischen Künstlerin Rineke Dijkstra ist noch bis zum 20. Februar in der Galerie Nationale Jeu de Paume in Paris zu sehen. Weitere Venues der etwa 75 Arbeiten aus den Jahren 1991-2004 sind das Stedelijk Museum Amsterdam, das Fotomuseum Winterthur und die Fundaciò La Caixa in Barcelona. Dijkstra zählt zu den großen Fotokunsterfolgen der 90iger Jahre, Markenzeichen: Menschenportraits in transitorischen Lebensepisoden vor reduziertem Hintergrund. Im ersten Raum empfangen den Besucher ein dutzend lebensgroßer Bilder von Teenagern, in Badekleidung, am Strand stehend. Hinter ihnen nur das Meer, friedlich und undramatisch. Gemäldegalerie der Königskinder, anno 1994. Studien über das Individuum, in Serie gearbeitet, um so vom Partikulären auf das Allgemeine zu schließen. Der direkte Blick ins Objektiv und in Folge auf den Betrachter, die nicht spezifizierte Pose, der gleich bleibende Bildaufbau erzeugen ein Spektrum der Assoziationen zur abgelichteten Person. Von der Künstlerin wohl gewählt, das Alter der Unentschiedenheit zwischen Kind und Erwachsenem, wo vieles so unfertig scheint und Eigenheiten trotzdem unleugbar sichtbar sind. Stolz, Trotz, Unbeholfenheit, Mediales, Sex, Entschlossenheit - alles mischt sich in diese Blicke, in diese vermeintliche Natürlichkeit. Eine weitere dem Medium Fotografie inhärente Eigenschaft greift Dijkstra gerne auf: die Zeit. So ist es entweder der nicht wiederkehrende Moment, der die Künstlerin interessiert, wie bei den blutverschmierten Gesichtern der Stierkämpfer nach dem Kampf, israelischen Soldaten nach ihrer allerersten Übung, Müttern mit ihren neugeborenen Säuglingen. Oder es ist die Zeit als Prozess: die Metamorphosen eines Kindes zur jungen Frau, ein Bursch auf seinem Weg zum angehenden Soldaten, fotografiert in regelmäßigen Abständen über einen Zeitraum von zehn Jahren. Niemand ist auf den Bildern nackt abgebildet und dennoch lässt einen das Gefühl des Voyeurs nicht los. Und was die ganze Zeit eine Vermutung ist, kulminiert im letzten Raum - bei der Betrachtung des Videos "Buzzclub": Jugendliche tanzen kurz vor dem Discobesuch im Fotostudio, gefilmt für uns im grellen Schein der Wirklichkeit. Selten ist eine Kunstvideoprojektion so gerammelt voll wie hier und die Faszination zwischen Begaffen und peinlich berührt sein, offenkundig. Die Retrospektive lässt uns Rineke Dijktras weiten Blick, der hinter ihrer Kamera beginnt und irgendwo zwischen wissenschaftlich-dokumentarischer Spurensuche und voyeuristischer Neugier angesiedelt ist, erahnen.
Mehr Texte von Ana Berlin

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Rineke Dijkstra
14.12.2004 - 20.02.2005

Jeu de Paume
75008 Paris, 1, Place de la Concorde
Tel: 01 47 03 12 50
http://www.jeudepaume.org

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