Enter Art Fair: Im Eyecandy-Shop
Wer an diesem Wochenende die Enter Art Fair in Kopenhagen durchstreift, der kann nur zu dem Schluss kommen: Mission accomplished, Julie Leopold, es ist vollbracht – Kopenhagen hat nun den International Art Hub, der wohl noch gefehlt hat. Von ihrem Küchentisch aus ging’s 2019 los und heute kommen rund 90 Galerien aus aller Welt gern nach Kopenhagen. Die Enter Art Fair aus Leopolds Feder hat sich etabliert. Spontan will man der dänischen Metropole und ihren kreativen Protagonisten freilich jede künstlerische Kompetenz zuschreiben; flaniert man durch die Stadt sehen alle und alles so gut aus – da kann man, muss man noch was anschieben? Doch ein Blick auf die zeitgleich in Kopenhagen stattfindende Kunstmesse Chart, unter anderem in der Kunsthal Charlottenborg, zeigt: Hier trifft sich die nordische Szene, bleibt aber mehr unter sich, ein Stelldichein skandinavischer Galerien.
Gern gehe er dort rüber, erzählt Robert Morat aus Berlin, mit seiner Galerie zum ersten Mal auf der Enter Art Fair. Er sei ebenso neugierig auf die Chart wie auf die Enter, denn dort könne er Nordlichter entdecken, die ihm sonst vielleicht entgingen, glaubt aber, dass die Enter fürs Kopenhagener Publikum spannender sei. Hier lassen sich auf kleiner Runde eben Galerien von New York bis Tokio kennenlernen. Morat ist happy, gleich bei der Preview lief’s bestens, kein Wunder bei seinem perfekt inszenierten One-Woman-Booth mit Jessica Backhaus.
Backhaus’ Bilder flirten unverhohlen mit dem Publikum, lösen unvermitteltes Habenwollen aus. Unter der strahlenden Sonne Nizzas, so erzählt Morat, arrangiert, collagiert, komponiert die Künstlerin farbige Papiere, die sie in einem zweiten Schritt abfotografiert. Ausgesprochen leckere Farbklänge und raffinierte Kompositionen kommen dabei heraus und es braucht nicht viel Fantasie, sich vorzustellen, dass jene Bonbons auch Muffel in Sammler zu transformieren imstande sind. Noch sind Bilder im Kleinformat zu haben, können für 4.000 Euro Abholpreis mitgenommen werden, Rahmen inklusive.
Guter Dinge ist auch Karlijn Bozon von der Amsterdamer Galerie Homecoming. Auch sie ist zum ersten Mal an Bord und bekennt, dass die Dän:innen für sie noch schwer zu lesen seien. Dabei funkeln ihre Augen vielsagend, auch sie wohl eher optimistisch, jene noch zu knacken. Das sollte mit Sophie Crichton eigentlich kein Problem sein: Die junge Malerin, kaum 30, tritt wie die wilde, emotionale Enkelin von Cy Twombly auf. Ein gestisches Powerplay entfesselter Malspuren lässt sie über die Leinwand rauschen, dass es nur so eine Art ist. Backhaus und Crichton stehen exemplarisch für die Kunst auf der Messe: Die Enter ist die Eyecandy-Messe schlechthin. Sie präsentiert das, was Menschen tatsächlich auf ihren heimischen Wänden sehen wollen. Und bevor jetzt die ewigen Spötter und Skeptiker auf den Plan treten: Kunst kann viele Formen annehmen, sich in diversen Spielarten zeigen, und das ist gut so. Sie darf auch mal Wohlgefühl und Trost spenden, Wellness fürs Auge sein. Kunst ist als Schule der Sensibilität per se politisch, auch wenn mal kein „Krieg böse“ draufsteht.
Wer tiefer in die Tasche greifen will, kann sich bei der Galerie Wetterling aus Stockholm mit der intuitiven Abstraktion eines Larry Poons versorgen, da sind dann allerdings 180.000 Euro zu berappen. Ob Bilder dieser Preisliga eigentlich schwerer zu verkaufen seien, will ich von Gründer Björn Wetterling wissen. Um Gottes Willen, nein, seine Antwort. Dieses Bild dort, der Galerist zeigt auf ein für seine Verhältnisse günstiges Kleinformat, sei um einiges schwieriger zu vermitteln als seine beiden großen Poons, vor denen sich prompt interessiertes Publikum einfindet. So viele habe er davon gar nicht mehr, auch wenn der Künstler, zwar im vorgerückten Alter, aber ja immer noch produziere.
Wer im mittleren Preissegment Gutes sucht, kann etwa bei Martin Asbæk aus Kopenhagen fündig werden. Die Galerie zeigt, unter anderem, die wilde, gestische Malerei auf Spiegelfolie von der Hand Peter Bondes. Wunderbar, wie diese Bilder das Messegeschehen messerscharf bespiegeln, wie sich in ihnen das bunte Treiben der Kunstwelt vor den Bildern zeigt, und doch von mächtigen Pinselzügen durchkreuzt und übermalt wird, um dann unvermittelt wieder aufzublitzen. Zu rund 13.000 Euro.
Und dann, bei der Galerie Ruttkowski;68, sitzt er da, sitzt er einfach so da: Henrik Vibskov. Musiker, Modedesigner, Künstler und was weiß ich noch alles. Wie kann man nur so einen Output haben, in so vielen Disziplinen und Medien arbeiten? Vor ihm auf dem Tisch liegen drei fette Publikationen: alle über sein Werk. Die Ausstellung bei Ruttkowski;68: alles von ihm.
Das Sofa, auf dem er sitzt: auch das seine Arbeit, Einzelstück, für 16.000 Euro noch zu haben. Der Tisch, auf dem die Bücher liegen: ebenfalls von ihm. Außerdem Skulpturen, Zeichnungen, Wandteppiche zu 8.000 Euro, die Teppiche alle verkauft. Auch das ist also die Enter: Chillen mit Henrik Vibskov.
Inoffizielles Gravitationszentrum jedoch ist das „Neudeutsch“-Projekt von Trendscout, Kurator und Tausendsassa Julian Daynov. Wer seinem Charme nicht erlegen ist, muss sofort zum Arzt: Julian Daynov ist ein Powerhouse von einem Kommunikator, kann irgendwie zehn Leute gleichzeitig herzen, begrüßen, einander vorstellen, mit seinen diversen Kollaborationen vertraut machen, Goodies verteilen, er wirbelt durch seine Koje, die größte der Messe – und alle sind begeistert. Seine „Neudeutsch“-Idee, und die ist durchaus richtig und wichtig: Die Vorstellung von zeitgenössischem, deutschen Design mal gehörig zu entstauben und den vielen frischen Stimmen Gehör zu verschaffen. Daynovs Credo ist außerdem, die Disziplinen ineinander fließen zu lassen: Kunst, Design, Mode – bei ihm alles ein sich gegenseitig beflügelnder Kosmos, mix-and-match, akademisches Highbrow-Getue ist ihm ein Graus. Kunst sei für alle da – and now: Drinks! Demgemäß zeigt er auf seiner Fläche Designobjekte neben Malerei, Skulpturen neben Möbeln, unterlegt alles mit sanften Beats – ein Lifestyle-Universum im Stile eines Concept Stores. Logisch, dass Enter-CEO Julie Leopold das bestens gefällt. Daynov ist ganz auf ihrer Linie eines offenen Kunstverständnisses, das stets neue Interessengruppen ansprechen will, stets auf Wachstumskurs ist.
Hat man dann genug gesehen, muss die Eindrücke sacken lassen, lässt sich das sehr komfortabel in der lauschigen Josephine’s Bar im Henrik’s Hotel erledigen, etwa beim Negroni. Da muss dann nur noch entschieden werden, wann genau man sich in die Kissen des familiengeführten 4-Sterne-Hotels sinken lässt.[1] Am nächsten Tag einfach auf eins der hoteleigenen Räder schwingen und losradeln – zur Enter, zweite Runde –, ideal in einer Fahrradstadt wie Kopenhagen, die sich mit breitesten Radwegen dafür anbietet wie wenige Metropolen.
Zurück auf der Messe kann man sich dann mal ins Talkprogramm vertiefen, aber Vorsicht: auf Dänisch, oder den Skulpturengarten auschecken. Außerdem lockt ein üppiges VIP-Programm: Sammler:innen öffnen ihre Häuser, die hochkarätigen Museen laden ein, es wird diniert, genetzwerkt und gefeiert, was das Zeug hält, und das stets auf gut dänisch: Locker, lässig und extremely good looking. Und schon wieder knallt irgendwo ein Korken.
--[1] Der Aufenthalt des Autors wurde ermöglicht von der Enter Art Fair im Rahmen einer Kooperation mit dem Henrik`s Hotel.
27 - 30.08.2026
Lokomotivværkstedet
2450 Copenhagen SV., Otto Busses Vej 5A
https://www.enterartfair.com
Öffnungszeiten: Fr, Sa 11-19, So 11-18 h
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