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Maurizio Cattelan. NIGHT: Geschichtsstunde ohne Geschichte

Unumstritten war die Entscheidung, den Preis der Nationalgalerie nun nicht mehr an junge Künstler.Innen, sondern an Big Names zu verleihen, nicht. Umstritten auch die Besetzung der dreiköpfigen Jury, in der mit Emma Lavign die Direktorin der Pariser Pinault Collection saß, die eine umfangreiche Sammlung von Arbeiten des dann prompt preisgekrönten Mauricio Cattelan besitzt. Die jahrzehntelange Zusammenarbeit des Künstlers und Klaus Biesenbach schließlich, der als Chef des ausstellenden Neuen Nationalgalerie ebenfalls fragwürdiger Weise in der Jury saß, hatte zudem ein Geschmäckle.

Die aus dieser für den Kunstbetrieb nicht gerade untypischen Gemengelage resultierende Einzelausstellung „NIGHT“ von Mauricio Cattelan ist jetzt in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Angekündigt war die raumfüllende Präsentation als ortsspezifische Installation, die nicht zuletzt deutsche Geschichte, ihre Repräsentation und die Erinnerung daran thematisiert. Aber nur eine Arbeit der hier gezeigten Werke wird diesem selbst formulierten Anspruch gerecht, die Skulptur „Never“, 2003, nämlich. Auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie sitzt da der vom Künstler täuschend echt nachgebildete Trommler Oskar Matzerath, also der kleine Junge aus Günter Grass’ Roman „Blechtrommel“, 1959, der sich weigert zu wachsen und mit seinem Trommeln lautstark gegen die politischen Verwerfungen des Dritten Reiches protestiert. Zugleich als Erinnerung an und Warnung vor dem Faschismus in Deutschland kann diese Arbeit Cattelans heute gelesen werden, deren stoisches Trommeln über die Straße bis hin zur gegenüberliegenden Staatsbibliothek zu hören ist.

Im Inneren der Neuen Nationalgalerie wartet zunächst ein verkleinerter Nachbau des Brandenburger Tors auf die Besucher:innen. Hat man dieses „Purgatory“, 2026, durchschritten - allein darin erschöpft sich die angepriesene Ortspezifik! - und betritt endgültig die Ausstellungshalle mit ihren dezent aufgestellten Artefakten, dann wird schnell klar: So treffend wie „Never“ setzt sich hier keine der Arbeiten mehr mit deutscher Geschichte und Gegenwart auseinander. Stattdessen sind vorwiegend ältere und wohlbekannte „Provokationen“ des italienischen Künstlers zu sehen, die sich nur mit sehr viel Wohlwollen und ohne diskursive Schärfe mit dieser Historie in Bezug setzen lassen. Da hängt dann etwa das ausgestopfte Pferd „Novecento“, 1997, von der Decke, in der Wandarbeit „Dawn“, 2007, sieht man eine von einer hölzernen Transportkiste gekreuzigte Frau, 2007, schließlich steht da der handelsübliche Feuerlöscher „Dust“, 2026, lapidar in einer Ecke, in ihm ist angeblich die Asche eines gestorbenen Freundes des Künstlers aufbewahrt. Auch was das Doppelselbstporträt „We“, 2010, das den Künstler in einem schwarzen Anzug gekleidet neben sich selbst auf einem Bett legend zeigt, in diesem Kontext zu suchen hat, erschließt sich nicht. Und selbst wenn Cattelan sich einmal direkt auf die Geschichte Deutschlands bezieht, bleibt dieser Bezug ein vermeintlich witzig-provokanter: Die Skulptur „Him“, 2001, präsentiert nämlich eine verkleinerte Figur des kniend betenden Adolf Hitlers ...  

Diese Geschichtsstunde ohne Geschichte mag vielleicht ein Publikumserfolg werden, eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit „Deutschland“, die gerade heute wichtig wäre, ist sie nicht. Leider!

Mehr Texte von Raimar Stange

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Maurizio Cattelan. NIGHT
10.09.2026 - 07.03.2027

Neue Nationalgalerie
10785 Berlin, Potsdamer Straße 50
Tel: +49 30 266 424242
https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/neue-nationalgalerie/home/
Öffnungszeiten: Di-So 10-18, Do 10-20 h


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