Min Yoon - A Pronoun of B: Maßgeschneidert
Das Eingebundensein der Kunst in die Kategorien von Raum und Zeit, aber auch deren Involviertsein in gesellschaftliche Lebensbedingungen, stehen im Zentrum der so spielerischen wie konzeptuell-reflektierten Ästhetik des in Südkorea geborenen und jetzt in Wien lebenden Künstlers Min Yoon. In seiner Einzelausstellung „A Pronoun of B“ in der renommierten Kestner Gesellschaft in Hannover wird dieses bereits an der Fassade des ehemaligen Schwimmbades deutlich: Über dem Haupteingang des Ausstellungshauses steht in der Typographie des Namensschildes der Kestner Gesellschaft „Na da um“ zu lesen. Einerseits bedeutet diese Buchstabenfolge im Koreanischen „man selbst sein“, andererseits deutet sich eine deutsche Lesart an. Letzteres nämlich mit den Worten „Na da um“, in der also mit „da“ und „um“ (2 Uhr) besagte Kategorien von Raum und Zeit, die für den Philosophen Immanuel Kant bekanntlich Formen der sinnlichen Erkenntnis sind, die jedwede Erfahrung erst möglich machen, angedeutet werden. Durch die Platzierung und die Typographie von „Na da um“ bringt der junge Künstler hier zudem ein konkretes Moment der semantischen Neuverortung ins Spiel, bekommt die Kestner Gesellschaft doch dank dieses installativen Eingriffes vorübergehend einen neuen Namen.
Doch damit nicht genug: „Na da um“ steht in der intelligenten Ausstellung zudem auch für „Nadaum Books“, einem Bildungsprojekt in Südkorea, das sich für eine Geschlechtergleichstellung in Familie und Gesellschaft, sowie für eine liberale Sexualerziehung stark machen wollte, aber auf Grund massiver Proteste von konservativen Kreisen bald eingestellt wurde. Min Yoon nun präsentiert in diesem Kontext in Südkorea zensierte Kinderbücher, die er in den letzten zwei Jahren gesammelt hat, und verziert diese spielerisch mit Ton, Papier und Buntstift. Klarerweise weisen diese „Decorated Banned Childen Books“ auch hin auf aktuelle Einschränkungen von Meinungsfreiheit in anderen Demokratien in der Welt.
Vor den direkt an der Wand platzierten Buchobjekten hat Min Yoon seine raumgreifende, speziell für die Ausstellung konzipierte Installation „Draw-a-Line“, 2026, aufgestellt. Ein länglich-luftiges hölzernes Gestell - wenn man so will: ein Hybrid aus Kleiderständer und Zollstock - steht da parallel zu den Wänden der Ausstellungshalle und zeichnet eine dreidimensionale Linie im Raum. An dem Gestell sind diverse Gegenstände aufgehängt, so zum Beispiel Lineale und Malereien, eine Staffelei dient als Träger. Künstlerutensilien also verweisen hier auf das Kunstschaffen, Objekte wie Kleiderbügel und Kinderspielzeug - Snoopy lässt grüßen! - betonen dann die Untrennbarkeit von (hehrer) Kunst und (alltäglichem) Leben. In die geölten Balken aus Buchenholz hat Min Yoon außerdem ein vom ihm selbst festgelegtes Maßsystem markiert: Der Abstand von 20,5 Zentimetern entspricht da einer quasi „individuellen“ Maßeinheit, die in „offiziellen“ Maßsystemen nicht zu finden ist.
Der von Eva Birkenstock klug kuratierten Ausstellung gelingt es über Modalitäten von Kunst und Künstlersein nachzudenken, ohne dabei die zuweilen arg spröde Ernsthaftigkeit betriebskritischer Kunst zu bedienen. Anschauen!
Mehr Texte von Raimar Stange 29.08. - 15.11.2026
Kestner Gesellschaft
30159 Hannover, Goseriede 11
Tel: +49 511 70120 10
Email: kestner@kestnergesellschaft.de
https://kestnergesellschaft.de
Öffnungszeiten: Di-So 11-18, Do 10-20 h
Teilen




