Ryan Gander. One Hundred Things Twice: Verwobene Erzählungen
Der britische Künstler Ryan Gander hat den Hauptraum des Salzburger Kunstverein in ein irrlichterndes Panoptikum seiner Welt verwandelt. Unter dem Titel „One Hundred Things Twice“ versammelt er Hundert Dinge die er paarweise anordnet und ausstellt. Bevor wir den Hauptraum betreten, muss der Besucher aus einer Tastenkombination wählen, die das Bauhauslogo von Weimar (1919-1933) darstellt. Gelbes Dreieck, blauer Kreis, rotes Quadrat, das sind die Optionen die als Schalter zu drücken sind und den partizipativen Ansatz von Ganders Kunstbegriff illustrieren. Kommt man in den Ausstellungsraum, so fällt einem die riesige Posterwand auf, die eine Längs- und eine Breitseite einnimmt. Dabei handelt sich um fiktive Ausstellungsplakate, die Ausstellungen annoncieren, die so nie stattgefunden haben. Die Poster gleichen täuschend echt Originalplakaten. Es handelt sich dabei um Originalschauplätze, wie das Mumok und reale Künstler:innen. Es ist nicht nur die Frage von Original oder Fake, die sich hier offensichtlich stellt, sondern es ist das Spiel mit 51 Ebenen und das Hervorrufen eigener innerer Welten die Gander interessieren.
Ryan Gander sitzt seit Kindertagen im Rollstuhl. Er kann seine Beine nicht bewegen und verbrachte als Kind viel Zeit im Krankenhaus. In dieser Zeit las er viel und begann sich mit Philosophie und Literatur zu beschäftigen. Er hat auf Grund seiner Erfahrungen einen facettenreichen Blick auf die Realität. Er paart Gegenstände, die sich aufeinander zubewegen oder abstoßen. Er selbst würde sich nicht als "disabled person" bezeichnen sondern als andersartig und das bezieht sich auch auf den künstlerischen Sukkus von Gander. Da stehen am Fuß der Posterwand zwei benutze Rotweingläser und zwei zusammengeblasene Rotweingläser. Er erinnert an verlassene Parties oder Vernissagen oder an Glasscherben nach durchtanzten Wiener Ballnächten.
Auch zwei animierte Mäuschen leben offenbar in und einer Kartonagenansammlung, zeigen sich ab und zu und sprechen unverständliche Sätze. Ihre Bewegungen sind echten Mäusen täuschend ähnlich nachemfunden. Sie wirken ein wenig unheimlich. Ähnlich wie zwei sich bewegende Insekten, die ebenfalls animiert sind.
Gander wurde oft als Konzeptkünstler bezeichnet, eine Einordnung, die er ablehnt. Die Royal Academy in London nahm ihn in der Kategorie Bildhauer auf, was sein künstlerisches Oeuvre schon besser beschreibt. Mit welcher feinen Klinge er zu kämpfen weiß, illustrieren zwei Bücher, die eine von dem fiktiven Autor T.E.White geschriebene Geschichte eines Todes beinhalten. Betitelt sind die Arbeiten „Mostly English; not too English“.
Den Rest des Raumes, eine Längs- und eine Breitseite, lässt Gander scheinbar frei. Nur wenn wir näher herangehen sehen wir einen mit Bleistift aufgezeichneten Maschenzaun, der an einer Stelle ein Loch hat. Der Künstler sperrt den Betrachter kaum spürbar, aber dennoch ein. Vor den Zaun stellt er uns noch zwei japanische Abgüsse von Bankomaten, die unbenutzbar sind und uns in der Gefangenschaft zu nichts taugen. An der Stirnseite hängen zusammengeknüllte und wieder glattgestrichene weiße Papiere, die den Titel „Some will be blessed, others will suffer“ tragen. Was für eine lapidare und doch treffende Einschätzung unserer Welt.
Wie beschrieben, spielt Gander mit den verschiedensten Bedeutungsebenen. Dabei ist wichtig, dass es nicht die naheliegende Assoziation ist, die Gander zu dem Begriff der Paare einfällt sondern er schickt uns mit seinen künstlerischen Lösungen auf innere Reisen. Diese können für uns durchaus bereichernd sein.
25.07. - 20.09.2026
Salzburger Kunstverein
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