Werbung
,

Der vertikale Pass

Warum fiel das Tor in der 93. Minute? Vielleicht war es tatsächlich ein Versehen. Algerien hätte zwar die Genugtuung gehabt, Österreich mit einer späten Rache für die Schande von Gijón aus dem Turnier zu werfen, ein sportlicher Gegenentwurf zu jenem berüchtigten Nichtangriffspakt von 1982. Zugleich hätte der Sieg jedoch den schwierigeren Turnierpfad bedeutet. Spanien statt der Schweiz, den regierenden Europameister anstelle eines Gegners, den Algeriens Trainer Vladimir Petković über Jahre betreut hatte. Dritter zu werden, war in vieler Hinsicht das vernünftigere Ziel.

Dass es zu diesem Zeitpunkt bereits 2:2 stand, wurde als Beweis angeführt, das Spiel habe mit Gijón nichts gemein gehabt. Doch gerade diese Argumentation verkennt den Verlauf, ja die offenkundige Vorherbestimmtheit des Geschehens. Fußball zeigt sich nicht nur im Ergebnis, sondern in einer Dramaturgie. Und diese war spätestens nach der 80. Minute nahezu zum Erliegen gekommen, oder präziser. Die Dramatik war eingefroren zugunsten einer Dramaturgie, die sich verabsolutiert hatte. Durch die Spielanlage waren Momentum und Zufall, ja sogar Inspiration von beiden Teams so gut wie ausgeschlossen. Aus Wettkampf war Verwaltung geworden, Spielkultur hatte sich bedingungslos dem Determinismus unterworfen. In diesem Geschehen der Illusionslosigkeit war der Ball nicht länger Mittel, ein Tor zu erzielen, sondern ein Instrument, Zeit vergehen zu lassen. Das Publikum pfiff. Viele verließen das Stadion. Selten hatte sich ein Spiel derart selbst infrage gestellt. Denn ein gecoachtes Vernunftprinzip hatte die Idee des sportlichen Wettstreits eliminiert. Marcel Sabitzer nannte das später „unseriös“.

In der Philosophie gibt es spätestens seit der Antike den Gegensatz von Horizontalität und Vertikalität. Bei Josef Pieper, dem deutschen Theologen und Philosophen, steht die Horizontale für den Weg durch die Welt, für Fortschritt, Zweckmäßigkeit und die Orientierung auf das nächste Ziel. Die Vertikale dagegen verweist auf die innere Dimension des Menschen, auf Sammlung, Kontemplation und jene Tiefe, in der Leistungsbereitschaft ihre Herrschaft und die Selbstoptimierung ihre Dringlichkeit verliert. Die eigentliche Höhe des Menschen liegt nicht im Horizontalen, sondern im Absinken in das Innere, das heißt in die beruhigte Tiefe.

Im Fußball bedeuten dieselben Begriffe das Gegenteil. Vertikal spielt, wer den schnellsten Weg zum Tor sucht. Horizontal spielt, wer den Ball zirkulieren lässt, Räume verwaltet und die Uhr zum Mitspieler macht. Im Vergleich des Sprachgebrauchs der beiden Kontexte liegt eine eigentümliche Umkehrung. Während die Philosophie die Vertikale als Ausstieg aus der Zweckrationalität versteht, bezeichnet der Fußball als vertikal den kompromisslosesten Ausdruck eben dieser Rationalität, den direkten Weg zum Tor.

Spätestens im letzten Spielviertel hatte sich Algerien auf die horizontale Spielweise festgelegt. Das bedeutete ein Befrieden der Handlungsvarianten, ein Aussetzen spielerischer Aktion. Mehr als hundert Pässe liefen durch die eigenen Reihen. Das österreichische Team ließ sie gewähren. Jede Ballberührung schien zu sagen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, weder zu risk- noch zu provozieren. Der Ball kreiste wie ein Verwaltungsakt, nicht wie das Objekt des Begehrens. Die Teams waren sich einig, die Mathematik der Tabelle hatte ihren Spielraum suspendiert und sie sich selbst zu Marionetten der Zweckrationalität degradieren lassen.

Und dann geschah das Unerwartete. Plötzlich wurde doch vertikal gespielt. Ein Pass in die Tiefe, ein Lauf in die Box, ein Abschluss von Riyad Mahrez. Während ein Tor zu erzielen, zum Endzweck des Fußballs gehört, entzieht sich sein Handeln einer schlüssigen Deutung. War es Kalkül? War es Instinkt? Oder schlicht der Reflex eines Stürmers, der vor dem Tor sein Naturell nicht verleugnen kann? Mahrez erklärte später, er habe den Fußball respektiert. In diesem unscheinbaren Satz steckt mehr Sportphilosophie, als ihm vielleicht bewusst war. Für einen Augenblick war die Möglichkeit des Tores stärker als die Logik der Tabelle, der Eigensinn stärker als der Matchplan.

Ausgerechnet nach der längsten Phase kontrollierter Horizontalität entstand der einzig wirklich vertikale Angriff des Schlussabschnitts. Für wenige Minuten war Österreich ausgeschieden, Algerien Gruppenzweiter und Spanien der nächste Gegner. Dann stellte Sasa Kalajdžić mit dem 3:3 die alte Ordnung wieder her, paradoxerweise nicht nur sportlich, sondern auch rational. Das Tor, das die größte Emotion auslöste, machte die Vernunft wieder plausibel. Deshalb jubelten einige algerische Anhänger:innen gemeinsam mit den Österreichern am Platz. Nicht das einzige Paradoxon dieses Spiels.

Warum also fiel das Tor in der 93. Minute? Vielleicht war es tatsächlich ein Versehen. Wollte Mahrez zu einem Helden werden, der einen Sieg herstellte, den niemand will? Wollte er sich widerständig gegen die Vorhersehbarkeit zeigen, als fußballerischer Freibeuter in einem turnierbedingten Handelsabkommen, als Spielverderber in einem nur vermeintlichen Spiel? Vielleicht verlangt die Frage nach einem Grund aber schon zu viel. Sie setzt voraus, dass sich auch noch dieser Augenblick vollständig aus der Logik des Kalküls erklären ließe. Gerade das verweigert sein eigentümliches Tor. Denn es ereignete sich in einem Geschehen, das seine eigene Zweckrationalität bis an den Rand der Selbstaufhebung trieb.

Vielleicht ist dies die eigentliche Lehre aus diesem Spiel. Fußball produziert – angetrieben von Medien, Wettmärkten und Wahrscheinlichkeitsmodellen – immer mehr Vernunft. Daten und Zahlen tauchen am Bildschirmrand und in den Stadionanzeigen auf. Tabellen, Turnierbäume, Statistiken und Wahrscheinlichkeiten suggerieren, dass das Spiel vernünftig und berechenbar wäre. Zugleich lebt es von Augenblicken, in denen sich die Vernunft selbst außer Kraft setzt. Ja, nur die waghalsige Wette gewinnt, jene, die auf die Unwahrscheinlichkeit setzt. Ein einziger Impuls genügt, um das Kalkül zu widerlegen. Mahrez wird für diesen Beweis in die Geschichte eingehen. Hätte das Spiel noch zehn Minuten länger gedauert, wäre der Ball vermutlich wieder quer gelaufen, zurück in jene horizontale Belanglosigkeit, aus der er für einen einzigen, widerspenstigen Moment ausgebrochen war.

Vielleicht fällt dieses Tor deshalb bis heute aus der Zeit, nicht weil es das Spiel entschied, sondern weil sich der Fußball seiner vollständigen Verfügbarkeit immer wieder entzieht. Idiosynkratisch, fast so wie die Kunst.

Mehr Texte von Thomas D. Trummer

Werbung
Werbung
Werbung

Gratis aber wertvoll!
Ihnen ist eine unabhängige, engagierte Kunstkritik etwas wert? Dann unterstützen Sie das artmagazine mit einem Betrag Ihrer Wahl. Egal ob einmalig oder regelmäßig, Ihren Beitrag verwenden wir zum Ausbau der Redaktion, um noch umfangreicher über Ausstellungen und die Kunstszene zu berichten.
Kunst braucht Kritik!
Ja ich will

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Ein feiner Interpretaionsversuch ...
Walter Stach | 29.06.2026 23:57 | antworten
... eines merkwürdigen Geschehens. Für mich hätt' sich's noch feiner gelesen ohne die grad "viralen" Formeln "Momentum" und "Box"..

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2026 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: