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Neue Studie: Wirtschaftsfaktor bildende Kunst

Der internationale Kunstmarkt pendelt momentan zwischen Extremen. Unglaublichen Rekordergebnissen im dreistelligen Millionenbereich bei Auktionen stehen Umsatzeinbußen und Kürzungen selbst bei großen Galeriekonzernen gegenüber. Im österreichischen Kunstmarkt verhält es sich durchaus ähnlich, nur dass die absoluten Zahlen entsprechend geringer ausfallen.

Eine soeben präsentierte Studie zeigt aktuell, dass mit dem Verkauf von Kunstwerken und Antiquitäten in Österreich zwar „nur“ eine knappe Milliarde Umsatz erzielt wird, betrachtet man allerdings den Sektor bildende Kunst als ökonomisches Gesamtsystem, so trägt dieser einen volkswirtschaftlich bemerkenswerten Teil zur gesamten österreichischen Wirtschaftsleistung bei.

Die im Auftrag des Verbands österreichischer Galerien von Dr. Anna Kleissner (Econmove Gmbh) und Dr. Michael Paul (paul und kollegen consulting gmbh) erarbeitete Studie zur „Wertschöpfung der Bildenden Kunst in Österreich“ ordnet dem Markt der bildenden Kunst neben Galerien, Kunsthandlungen und Auktionshäusern eben auch die Bereiche Ausstellungswesen (Museen, Ausstellungsinstitutionen), Lehre (Kunstuniversitäten und weitere Ausbildungsinstitutionen) sowie die entsprechenden Anteile aus den Bereichen Tourismus, Medien und Unternehmen wie Transport und sonstige Zulieferer zu. Dieses Ökosystem bildende Kunst erreicht damit Dimensionen, die mit anderen Branchen locker mithalten können.

Die bildende Kunst im engeren Sinn (Künstler:innen, Galerien, Museen) erwirtschaftete 2023 eine Bruttowertschöpfung von knapp über 3,6 Mrd. Euro. Das Gesamtsystem bildende Kunst konnte auf Basis der Daten der Statistik Austria im selben Jahr eine Bruttowertschöpfung von knapp 6,3 Mrd. Euro erwirtschaften. Damit liegt das Gesamtsystem deutlich über der Wertschöpfung z.B. der heimischen Getränkeindustrie (3,5 Mrd.) und den Bereichen Telekommunikation (3 Mrd.) und der Papierindustrie (2,2 Mrd.). Der Sektor der bildenden Kunst beschäftigt außerdem mehr als 90.000 Menschen und damit fast so viele wie der Hochbau und mehr als alle heimischen Finanzdienstleister (69.000 Beschäftigte). Zusätzlich nahm der österreichische Staat über den Sektor bildende Kunst im Jahr 2023 knapp über 2,8 Milliarden Euro an Steuern ein.

Das sind Zahlen, die auch die heimische Politik dazu bringen sollten, diesen Bereich viel ernster zu nehmen als dies bisher der Fall war. Galerien, Kunsthandel und Künstler:innen wurden von Seiten der Politik bislang eher als „Nice to Have“ im Sinne der standortpolitischen Soft-Faktoren und als Subventionsempfänger betrachtet und nicht als einen wichtigen Wirtschaftsfaktor, der neben seiner gesellschaftspolitischen Funktion auch einen wesentlichen Teil zum Staatshaushalt beiträgt.

Mehrere Initiativen bemühen sich seit Jahren, Politiker:innen davon zu überzeugen, dass der Kunstmarkt dringend Unterstützung nicht nur in der Subventions- sondern auch in der Steuerpolitik benötigt und fordern die Absetzbarkeit von Kunstkäufen und die Senkung der Mehrwertsteuer auf Kunst (das artmagazine berichtete ⤇ HIER und ⤇ HIER). Kurz vor dem Ende der Verhandlungen um das soeben präsentierte Spar-Doppelbudget der Jahre 2027/28 war allerdings bereits klar, dass es aufgrund des hohen Staatsdefizits dazu nicht kommen wird. Bildende Kunst scheint also politisch eine Quantité négligeable zu sein. Die aktuelle Studie zeigt aber, dass das Ökosystem bildende Kunst gesamtwirtschaftlich betrachtet viel größer ist als gemeinhin angenommen und dem Vergleich mit anderen Sektoren locker standhält. Nur die Politik hat noch Schwierigkeiten mit einer gerechteren Sichtweise. So sind für das Jahr 2027 nun für den Bereich „Kunst und Kultur“ Bruttoausgaben von 608,7 Mio. Euro veranschlagt, gegenüber 670 Mio. 2025. Damit erlebt die gesamte Kulturszene nun das dritte Jahr in Folge teilweise massive Kürzungen. Obwohl im direkten Vergleich der Landwirtschafssektor auf Basis einer Schätzung der Statistik Austria 2025 eine Bruttowertschöpfung von rund 5 Mrd. Euro erwirtschaftete, also 1,3 Milliarden weniger als der Gesamtsektor bildende Kunst, stehen für die Landwirtschaft im Jahr 2027 rund 3 Mrd. Euro, also das Fünffache, an Förderungen bereit. Bei einer Kürzung der Direktzahlungen an Bäuerinnen und Bauern wie im Kulturbudget, wären diese wohl am Wiener Ring mit Traktoren aufgefahren und ein Aufschrei durch die Nation gegangen.

In der neuen Studie werden also nicht Äpfel mit Birnen verglichen, sondern erstmals valide Zahlen präsentiert mit denen politisch weiter verhandelt werden soll. Außerdem machen die Studienautor:innen Vorschläge, wie der Wirtschaftsfaktor bildende Kunst weiterentwickelt werden könnte. Die gesamte Branche müsse sich stärker koordinieren und eine gemeinschaftliche Strategie entwickeln. Dazu gehört vor allem ein international sichtbarer Großevent mit einer Kunstmesse und weiteren Aktionen die derzeit nur als Stückwerk übers Jahr verteilt stattfinden wie curated by im September und die Vienna Art Week im November 2026. Ein geringerer Mehrwertsteuersatz, der die Galerien international wieder wettbewerbsfähig macht, und Abschreibungsmöglichkeiten von Kunstkäufen zumindest für Unternehmer:innen sind weitere Empfehlungen aus der Studie und es sollten die Felder Kunstmarkt, Tourismus und Museen stärker verknüpft werden.

Immerhin, die große internationale Kunstmesse rückt für das Jahr 2027 in greifbare Nähe. Die im März gestartete Initiative von einigen Galerist:innen (das artmagazine berichtete ⤇ HIER) hat sich vor kurzem als Verein konstituiert und arbeitet bereits für Herbst an einem Vorläufer-Event, der im nächsten Jahr dann zu einer vollwertigen Kunstmesse werden soll. Für alle weiteren Punkte der Studie wird es wohl Zeit, harte Verhandlungen und Bewusstseinsbildung brauchen. Dafür ist jetzt endlich eine erste Basis erarbeitet worden. Bleibt zu hoffen, dass das Ökosystem bildende Kunst in der Zwischenzeit nicht kaputtgespart wird.

Mehr Texte von Werner Remm

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