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Soli Kiani. Hope moves History towards Freedom: Eine andere Regel des Sehens

Frauen haben die Sehnsucht, in einer Zeit ohne Kampf zu leben, formulierte die Philosophin Hélène Cixous bereits in den 1990er Jahren. Doch in einer solchen Welt leben wir bis heute nicht.
Die Notwendigkeit, sich als Frau immer wieder zu behaupten und ein entsprechendes Selbstbild auszubilden, steht im Zentrum der künstlerischen Praxis der aus dem Iran stammenden und seit 2000 in Wien lebenden Künstlerin Soli Kiani (*1981). Sie ist dem österreichischen Publikum seit der Auszeichnung mit dem Strabag Artaward 2019 ein Begriff. Noch bis Ende Oktober präsentiert die vielseitige Künstlerin in der mittelalterlichen Dominikanerkirche Krems ihre Arbeiten – die sogenannten „Leinwandskulpturen“ sowie großformatige Zeichnungen – in einer zweiteiligen Ausstellung.

Wird Mimesis nicht als bloße Nachahmung, sondern als materielle Praxis verstanden, erscheint sie bei Kiani als Gewebe, Membran und Matrix zugleich. Ihre Werke knüpfen damit an eine Strömung innerhalb der Gegenwartkunst an, in der die textilen Materialien nicht länger lediglich Träger eines Bildes sind, sondern selbst kulturelle Bedeutung hervorbringen. Leinen und Stoff verleihen Kianis Arbeiten eine ausgeprägte Leiblichkeit; zugleich fungieren sie als Speicher historischer und geschlechtsspezifischer Codierungen sowie als Projektionsflächen gesellschaftlicher Zuschreibungen und Fetischisierungen.

Im Mittelschiff der mittelalterlichen Kirche werden die Besucher:nnen bereits am Eingang von einem monumentalen Ensemble empfangen, dessen stelenartige Körper dem Gewölbe entgegenwachsen. Mit eigens entwickelten Schnürtechniken umwickelt, umrankt oder eingeschnürt, oszillieren sie zwischen prächtiger Präsenz und fragiler Verletzlichkeit. Neu hinzugekommene Oberflächen erinnern an Korbflechtwerk oder geflochtenes Haar und verstärken den Eindruck einer organischen, beinahe körperhaften Materialität. Zwischen den bis zu drei Meter hohen Skulpturen lässt sich wie durch einen Wald oder ein Labyrinth wandeln – ein räumliches Dispositiv, das gleichermaßen zur kontemplativen Annäherung wie zur Verunsicherung der eigenen Orientierung einlädt. Dabei trägt jede Stele den Namen einer Person, die im Zuge der Protestbewegung im Iran vom islamischen Regime getötet wurde. Manche dieser Namen sind tief in den Betonkern eingeschrieben, aus dem die Stoffbahnen hervorquellen, als wollten sie das Verdrängte wieder an die Oberfläche bringen.

Gerade in der sinnlichen Präsenz der Stoffe liegt die zentrale Ambivalenz Kianis Werke. Ihre haptische Qualität und ornamentale Komplexität erzeugen eine visuelle Attraktion, die mit dem Wissen um die eingeschriebenen Namen unweigerlich kollidiert. Die ästhetische Faszination dient dabei nicht der Überblendung des Politischen, sondern wird selbst zum Medium des Erinnerns: Über die körperliche Erfahrung der Materialität erschließt sich nach und nach die historische Gewalt, deren traumatische Nachwirkungen in den Arbeiten fortgeschrieben werden.

Im Chor der Kirche verschiebt Soli Kiani die zuvor über das Material verhandelte Ambivalenz in das Feld der Repräsentation. Die versammelten Werkgruppen zeigen Motive, die sich den normativen Moralvorstellungen und den kontrollierten Bildregimen des iranischen Staates widersetzen. Die Serie realistischer Zeichnungen, die der Ausstellung ihren Titel gibt, bildet dabei das Zentrum der räumlichen Inszenierung. Basierend auf medial zirkulierenden Fotografien oder eigens produzierten Aufnahmen werden die Bilder in einem prozesshaften Verfahren entwickelt. Die scheinbare Evidenz des Fotorealismus wird durch die malerische Oberfläche zugleich bestätigt und unterlaufen: Das Bild erscheint als Zeugnis und Konstruktion zugleich. Zwischen Wand und Boden, Einzelbild und Ensemble, Zeichnung und Skulptur entsteht so eine räumliche Dramaturgie des Erinnerns.

Im Zentrum hängt ein drei Meter hohes schwarz-weißes Gemälde eines weiblichen Halbakts. Der fragmentierte weibliche Körper erscheint hier nicht als Objekt voyeuristischer Aneignung, sondern als handelndes Subjekt, das die Bedingungen des Sehens selbst bestimmt, Die dargestellte Frau zieht die Burka zur Seite; die Enthüllung ihres Leibes wird damit nicht zur Entblößung, sondern zur performativen Geste der Selbstermächtigung, Auf mögliche Vorbilder dieses altarbildhaft inszenierten Werks angesprochen, verweist Kiani auf VALIE EXPORT und deren ikonische Fotografie Genitalpanik. Wie bei EXPORT wird auch hier der Blick selbst zum politischen Schauplatz: Er oszilliert zwischen Begehren, Konfrontation und Widerstand.

Gerade hierin liegt die eigentliche Stärke der Ausstellung. Soli Kiani entwirft keine Ikonographie des Opfers, sondern eine Bildpolitik der Sichtbarkeit. Zugleich schließt sich hier der Kreis zu den Skulpturen im Mittelschiff: Das Begehren des Blicks wird erneut zum Medium kollektiver Erinnerung. Kianis Bilder reklamieren Sichtbarkeit vor allem dort, wo Frauen aus dem öffentlichen Raum verdrängt, kontrolliert oder ausgelöscht werden sollen. Ihre Präsenz bedeutet deshalb weniger eine Provokation als eine selbstbewusste Behauptung: Wir sind hier.

Mehr Texte von Goschka Gawlik

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Soli Kiani. Hope moves History towards Freedom
27.06. - 26.10.2026

Dominikanerkirche Krems
3500 Krems, Körnermarkt 14
Tel: +43 2732 908010
Email: office@kunsthalle.at
https://www.kunsthalle.at
Öffnungszeiten: Mo-So 10-18 h


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