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Lorna Simpson. Third Person: Vom Archiv zur Imagination

Im ersten, dezent und abwechslungsreich mit Objekten inszenierten großen Raum der umfangreichen Einzelausstellung Third Person der feministischen afroamerikanischen Konzeptkünstlerin Lorna Simpson tritt Gewalt als latente Bildstruktur an die Oberfläche der Malerei hinauf.

Deutlich wird dies in der früheren Arbeit Polka Dot & Bullet Holes #2 (2016), in der zwei Bildtafeln durch motivische Korrespondenzen miteinander verschränkt sind. Während auf der unteren Tafel Einschusslöcher zu sehen sind, setzt sich auf der oberen die Tupfen-Struktur eines Kleides fort, das von einer geisterhaft anmutenden, kopflosen Frauenfigur getragen wird. Die Polka Dots geraten dabei in eine fließende Bewegung, die an aus dem Körper austretendes Blut denken lässt. Die ornamentale Leichtigkeit des Musters kippt ins Bedrohliche; dekorative Eleganz und körperliche Verletzung werden untrennbar miteinander verknüpft. Schönheit erscheint hier nicht als Gegenbild zur Gewalt, sondern als deren prekäre ästhetische Erscheinungsform.

Simpson verschränkt damit Zeichen weiblicher Repräsentation mit Spuren physischer Gewalt und lässt Ornament und Trauma, Dekoration und Verwundung ineinander übergehen. In Three Figures (2017), einem Siebdruckverfahren auf Bildträger, greift die Künstlerin (die die erste schwarze Künstlerin auf der documenta war) auf entscheidendes historisches Bildmaterial zurück: Auf ein Foto der rassistischen Gewalt von 1963 in Birmingham, Alabama und transformiert auf ihre Art dieses dokumentarische Bildmaterial. Durch die Verschiebung der Maßstäbe und die Überlagerung von Farbschichten wird die ursprüngliche Aufnahme verfremdet und ihrer dokumentarischen Eindeutigkeit entzogen. Das historische Ereignis erscheint nicht mehr als konkrete Szene, sondern als verdichtetes Symbol kollektiver Erinnerung und fortdauernder rassistischer Gewalt.

Auch im weiteren Verlauf der Ausstellung erscheint Erinnerung nicht als Rekonstruktion, sondern als Transformation. Historische Referenzen lösen sich zunehmend von ihrem dokumentarischen Ursprung und verdichten sich zu atmosphärischen Bildräumen von beinahe kosmischer Weite. Die dominierenden leuchtenden Blau- und Indigotöne fungieren dabei als ästhetische Chiffren für Blackness – verstanden zugleich als Farbe, Lebensumstand und kulturelles Gedächtnis.

Besonders eindrucksvoll sind hier die frei nach historischen Expeditionsarchiven entwickelten Arktis-Panoramen, die vor dem Hintergrund minimalistischer Architektur von Tadao Ando eine eigentümliche Spannung zwischen Natur, Geschichte und Abstraktion erzeugen. Als wiederkehrendes Motiv erscheinen zudem kleinere oder monumentale Stapel der Magazine Ebony und Jet, die Simpson seit ihrer Kindheit begleiten. Die Zeitschriften fungieren dabei weniger als bloßes Archiv denn als ein visuelles Gegenarchiv afroamerikanischer Geschichte und Kultur, aus dem die Künstlerin bis heute einen wesentlichen Teil ihres ikonografischen Materials schöpft.

Eine leise Unruhe und ein Gefühl der Instabilität gehen auch von den gläsernen Skulpturen aus, die einzelnen oder aufeinandergestapelten Eiswürfeln mit weichen Kanten gleichen. Wie Prismen brechen sie das venezianische Licht und irritieren unsere Wahrnehmung. Zugleich evoziert ihre fragile Erscheinung Assoziationen von Schmelzen und Vergänglichkeit. In Venedig, dessen Schönheit ebenso faszinierend wie bedroht ist, gewinnen diese magischen Gebilde, die subtil auf die Umgebung Bezug nehmen, eine zusätzliche Bedeutungsebene: Sie erscheinen als stille Erinnerungen an die Zerbrechlichkeit einer Stadt, die vom Wasser lebt und zugleich von ihm bedroht wird.

Mehr Texte von Goschka Gawlik

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Lorna Simpson. Third Person
29.03. - 22.11.2026

Punta della Dogana
30123 Venedig, Dorsoduro, 2
https://www.pinaultcollection.com
Öffnungszeiten: Mi-Mo 10-19 h


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