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Cyprien Gaillard – When you expect flutes, it’s whistles: Wo die Musi spielt

Ganz großes Drama im leergeräumten Foyer des Kunsthaus Bregenz: eine riesige Figur ist in der dem Eingang gegenüberliegenden Ecke mit den Beinen fixiert. Sie bäumt sich verzweifelt auf, um sich ganz aufrichten zu können, ist sie zu groß. Sie reibt sich an den Wänden, an der Decke, am Boden. Bisweilen scheint sie auch zur lautstark hämmernden, klassisch inspirierten Techno-Musik ekstatisch zu tanzen bzw. fast zärtlich sanft sich zu bewegen, bevor sie wieder ihre dramatischen Befreiungsversuche startet. „Verwandte“ dieses von Cyprien Gaillard zwischen 2021 und 2026 erschaffenen „Visitant“ kennt man von Festivals, Sportplätzen oder Autohäusern. Sie bestehen – wie der Bregenzer Kunsthausgast – nur aus (Nylon-)Haut, sind fremdbestimmt, durchpulst von Luft. Was hier von spontanen Emotionen unterschiedlichster Qualität provoziert daherzukommen scheint, folgt allerdings einer exakten, vom medienscheuen 46-jährigen Pariser Cyprien Gaillard exakt festgelegten Choreographie. Inszeniert als einstündiges Spektakel, das durch seine Ambivalenz gleichermaßen fasziniert wie irritiert.

Kontrastprogramm einen Stock höher: Hier ist es still, das Setting minimalistisch museal. 17 flach konkave, durch Drähte aus Metall in Spannung gehaltene Schalen aus dünnem weißem Karton hat Gaillard den Wänden entlang montiert und in sie jeweils neun Polaroids aus seiner mehrere tausende Stück umfassenden Sammlung gelegt. Indem sich die Fotografien leicht schuppenartig überlagern, werden sie reizvoll zur Collage. Die Sujets von Landschaften und Architekturen, menschlichen und tierischen Details werden auf diese Weise zur fast abstrakten Struktur, nicht zuletzt durch die extravaganten Perspektiven, aus denen sie aufgenommen sind. Durch die Art ihrer Überlagerung werden sie zu etwas rätselhaft Neuem, zu diffusen Zeugnissen fragiler kultureller Identität. Doch ist Vieles, das hier konserviert ist, längst dem Verfall preisgegeben, von Gaillard transformiert zu Bildgeburten. Doch lohnt es sich die Zeit zu nehmen die es braucht, um sich darauf einzulassen.

Im zweiten Obergeschoß erzählt Cyprien Gaillard die bekannte deutsche Sage des „Rattenfängers von Hameln“ auf seine Weise neu. Um die Verführbarkeit des Menschen durch Musik geht es da, die Gleichzeitigkeit von Anziehendem und Abstoßendem. Die Musik als Medium der Verführung genauso wie als „sanfte Waffe“, um etwa durch die Art des Gespielten Menschen ein- bzw. auszugrenzen. Zu suggerieren, wer hier erwünscht bzw. unerwünscht ist, letztlich für wen wo die Musi spielt. Wie Gaillard diese Problematik inszeniert, kommt leider etwas sperrig daher. Verlangt von den die Ausstellung Besuchenden ein hohes Maß an Assoziationsbereitschaft, um einigermaßen zu begreifen, was der Künstler mit Flöten, die mit Röllchen aus Null-Euro-Scheinen bestückt sind, bzw. Kartuschen mit blauer Farbe meinen könnte. Diese stehen für die Färbung der mit dem Bild der Stadt Hameln und seinem Rattenfänger bedruckten Geldscheine die passiert, wenn ein Bankomat gewaltsam aufgebrochen wird. Um die Idee der Ambivalenz scheint es dem Künstler da zu gehen, den schmalen Grat zwischen Sein und Schein, Rausch und Verdrängung. Konkretisiert durch eigenartig skulptural daherkommende Objekte, die eigentlich die dekonstruierten Beschattungsvorrichtungen italienischer Bankomaten sind.

Ganz oben im Kunsthaus Bregenz hat Cyprien Gaillards Film „Deterrent“ Premiere. Der 2026 gemeinsam mit der Mailänder Fondazione Prada u.a. in Los Angeles, Hamburg, Kopenhagen und Stockholm gedrehte 35-Minüter beginnt in einer Filiale der US-amerikanischen Ladenkette 7-Eleven, wo klassische Musik unerwünschte Käufer abschrecken sollte. Solche in diversen Schattierungen ist allerdings auch dem Film unterlegt, der eine faszinierende Collage aus Bild und Sound ist. Raffiniert suggestiv spielend mit schönen Bildern als Metaphern für so gar nicht heile gesellschaftliche Realitäten.  

Im Stiegenaufgang zwischen dem ersten und zweiten Obergeschoß lässt Gaillard eine kugelrunde silberne, sich die Augen zuhaltende Buddhafigur mit dem Durchmesser von einem Meter kauern. Sie sollte alles Böse abwehren, während die große Bauschuttrutsche, die hinter die gläserne Eingangsfassade des Kunsthauses montiert ist, wohl suggerieren soll, wie viel an Müll im realen wie übertragenen Sinn es zu entsorgen gilt.

Mehr Texte von Edith Schlocker

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Cyprien Gaillard – When you expect flutes, it’s whistles
13.06. - 04.10.2026

Kunsthaus Bregenz
6900 Bregenz, Karl Tizian Platz
Tel: +43 5574 48 594-0, Fax: +43 5574 48 594-8
Email: kub@kunsthaus-bregenz.at
http://www.kunsthaus-bregenz.at
Öffnungszeiten: Di-So 10-18, Do 10-20 Uhr


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