Attitude Era: Ringmasters of the Universe
Es zählt die Hau-Drauf-Einstellung. Rabiates Durchsetzen der eigenen Sichtweise ohne Rücksicht auf Verluste. Wrestling war der Ursprungsgedanke der Kuratorinnen Frederike Sperling und Pia Wamsler der Ausstellung Attitude Era im Kunstraum Niederösterreich. Wie beim Wrestling ist aber auch die Hau-Drauf-Einstellung heutzutage vor allem Show, hinter harter Attitude steckt selten wahre Stärke. Trump ist sich zwar nicht zu schade, Showkämpfe selber auszurichten, dafür aber zu schade die echten Kämpfe selber auszufechten.
Feinfühlig und tiefgründig stellen die Kuratorinnen mit Attitude Era Überlegungen zu unserer heutigen Realität an - und was wir mit Social Media, Slopaganda, Korruption überhaupt noch für eine solche halten können. Kern der Ausstellung ist “The Ring” von Toxic Thekla, die auch eine Wrestling-Bühne abbildet. Ironischerweise kommt das Bild fast unscheinbar daher, wird man im Ausstellungsraum doch empfangen von einer riesigen, rotierenden Extasypille (Macromolecule Exploiting some Biological Target IV (Reality / Embargo, Zuzanna Czebatul). Auch die Werke ringen um unsere Aufmerksamkeit.
Der Zusammenhang der Arbeiten wird erst durch das (dafür sehr umfangreich ausfallende) Zusatzmaterial wirklich klar. Irgendwie ist es aber verständlich dem ganzen Anti-Intellektualismus, der auch als Thema in der der Ausstellung mitschwingt, positiv performativ etwas entgegenzusetzen. Das stetige Drehen der Extasypille und rhythmische Hin und Her eines Spielzeug-Zuges (Choochoo von Kiki Furlan) wirken zusammen mit den Videoarbeiten von Alice Brucknell und Ndayé Kouagou zusätzlich entschleunigend. Das ist keine Ausstellung, in die man so eben mal nebenbei reinschaut – die Kuratorinnen verlangen zurecht, dass man sich mit der Materie auseinandersetzt, verweilt, keine Abkürzung nimmt. Womöglich ist es das Beste, was man heutzutage noch machen kann im ewigen (Ring-)Kampf um die Aufmerksamkeit: Nicht um jene zu rangeln, die sie einem eh nicht schenken wollen. Diese Attitüde der Kuratorinnen spricht für eine gewisse Coolness, die bei den aufgeladenen Themen der Ausstellung wahrscheinlich auch nötig ist.
Unter anderen Umständen wäre die Notwendigkeit von langen Erklärungen zur Ausstellung womöglich zu inkriminieren. Schwellenangst, würde ich rufen, Ausschluss mancher Menschen. Aber es hat sich schon herausgestellt, dass heutzutage definitiv kein Überschuss an Intelligenz herrscht, bei den wirklich Herrschenden schon gar nicht. Menschliche (sprich: nicht künstliche) Intelligenz oder was davon noch übrig ist darf schon auch mal im Vordergrund stehen. Anders als nahezu alles andere kann die nämlich nicht gefaked werden.
Mehr Texte von Veronika Metzger 03.06. - 25.07.2026
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