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Zwischen Boykott und Koketterie

Eigentlich hätte man sich fast gewünscht, Australien würde den diesjährigen ESC gewinnen. Mit einer netten, wenn auch nichtssagenden Ballade war der Song für diesen Wettbewerb sehr typisch – und das Land untypisch unproblematisch. Während es in Europa auch dieses Jahr wieder nicht sehr United by Music zugeht, gönnt man den Songcontest-Fans Down Under irgendwie einen Sieg, allein, weil sie sich so freuen, und man gönnt sich selbst eine Pause vom ganzen Gezanke auf dem eigenen Kontinent. Der ORF entschied sich, anders als es zum Beispiel letztes Jahr der Fall war, den Live-Ton unbearbeitet zu übertragen. So kam es schon beim Halbfinale zu Zwischenrufen aus dem Publikum beim Auftritt Israels. Im Finale aber hörte man schon bei Aufmarsch der Teilnehmenden zu Beginn deutlicheren Jubel bei Noam Bettan als bei den anderen. Der Grund ist nicht schwer zu erraten: Einige ESC-Fans, vor Ort und vor dem Fernseher, boykottierien den Songcontest dieses Jahr; die anderen riefen womöglich genau deshalb umso fleißiger (an). Noam Bettan landete so, nicht zuletzt durch das Publkimsvoting, auf dem zweiten Platz. In Wien selbst spürt man vielleicht auch deshalb nicht so viel vom Wettbewerb. Die Hotelpreise bleiben moderat, am Rathausplatz stehen vergleichsweise wenige Fans beim „ESC-Village“. Als Austragungsland hat Österreich sicherlich viel getan, aber es bleibt irgendwie lauwarm. Die Moderation von Victoria Swarovski und Michael Ostrowski war hoffnungslos uninspiriert, er in Hugh-Heffner-Pyjama und sie im Glitzerkleidchen, beide um jeden Scherz verlegen. Cosmo landet leider auch nur auf dem vorletzten Platz. Das Siegerland Bulgarien war zwar alles andere als Favorit, wenn man den Befragungen davor glaubt, der Sieg aber nicht überraschend. Ganz im Zeitgeist bedeutet der Text von „Bangaranga“ nämlich eher wenig, die Show dazu ist aber irgendwie launig und nimmt sich selber nicht zu ernst.

Die Songs tendieren sonst wieder dazu, in Landessprache gesungen zu werden, was ja davor jahrelang eher nicht der Fall war; dieses Jahr sind nur zehn von den 25 Liedern im Finale auf Englisch. Irgendwie ist das schön, versteht man es Richtung alle Unterschiede feiern und sich trotzdem United by Music fühlen. Gleichzeitig bleibt allerdings ein fader nationalistischer Nachgeschmack, wenn man an den politischen Zustand Europas denkt. Der ESC war mehr Cosmo als cosmopolitisch.

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Foto: ORF/Roman Zach-Kiesling

Mehr Texte von Veronika Metzger

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