Werbung
,

Florentina Holzinger - Seaworld Venice: Schlange stehen bis Brasilien


Das Einläuten des Pavillons zur Eröffnung

Seit Samstag, den 9. Mai ist die diesjährige Biennale di Venezia offiziell geöffnet und Österreich hat mit dem Beitrag von Florentina Holzinger im Pavillon in den Giardini dieses Jahr zumindest den Preis für die längste Schlange vor einem der nationalen Pavillons gewonnen. Über zwei Stunden stand das Publikum während der Previewtage in dieser, die beim brasilianischen Pavillon begann und sich an dem Gebäude von Ägypten und Serbien vorbei schlängelte bis unter die Glocke vor dem Eingang, die zu jeder vollen Stunde von einer Performerin als lebendiger Klöppel bis zum Ende der Biennale geläutet wird. Der offizielle Preis für den besten Pavillon, der Goldene Löwe ist heuer Florentina Holzinger und den anderen Beiträgen verwehrt da aufgrund interner Streitigkeiten zwischen der Biennale Leitung unter dem Präsidenten Pietrangelo Buttafuoco und der Jury zur Preisvergabe über die Teilnahme von Russland und Israel, die Jury noch vor der Eröffnung geschlossen zurückgetreten ist. Bleibt noch die Chance auf den stattdessen eingeführten Publikumspreis, der im November zum Ende der Biennale vergeben werden soll, dessen Vergaberichtlinien sind aber noch unklar.

Für ihre Seaworld Venice betitelte Inszenierung hat Florentina Holzinger mächtige Bilder für die vier Räume, den Vorplatz und den Innenhof des Pavillons gefunden. Als Kommentar zum Zustand der Welt, zum Klima, des für Venedig bestimmenden Wassers und die längst überfällige und dringend nötige Reinigung und Erneuerung des (westlichen, kapitalistischen) Gesellschaftssystems.


Die Wetterfahne mit Performer:innen

Das permanente Spektakel beginnt mit der Glocke am Vorplatz, die von einer nackten, kopfüber hängenden Performerin stündlich zum Klingen gebracht wird. Die Social Media Plattform Instagram kommt nach wie vor kaum damit nach, die unzähligen Videos und Fotos die Besucher:innen davon machten wieder zu löschen, denn nackte Frauenkörper sind dort zwar mittlerweile im Kunstkontext erlaubt, aber nur wenn sie stumm und starr in den gängigen Medien der bildenden Kunst abgebildet werden. Vor nackten Frauen, aktiv und selbstbewusst agierend wie bei Holzinger in Szene gesetzt, muss das Publikum offenbar bereits am Eingang zu den Giardini per Triggerwarnung vorbereitet werden.


Performein mit Jetski, noch recht ruhig

Im Pavillon selbst gehen die Wellen in einem zum Pool umfunktionierten Raum hoch durch einen von einer nackten Akteurin im Kreis gefahrenen Jet Ski - eines der zeitgenössischen Symbole des aktiven Strandurlaubs und des Übertourismus - während gegenüber eine überdimensionale, das Pavillondach durchbrechende Wetterfahne zum Klettergerüst für eine symbolische, von Frauen angeführte Kreuzabnahme wird.


Menschentank und Mobiles WC

Die zentrale Installation im Innenhof trug schon Tage vor der Eröffnung zu medialer Erregung des Boulevards bei, von Urin-Performance und Piss-Pavillon war da die Rede.
In der Realität sieht das Wasser des großen Glastanks in dem die Performerinnen schwimmen, bzw. meist stehen, ausgesprochen sauber aus, denn es wird, so die Erzählung, durch diverse Filtersysteme aufbereitet, bevor es in das Menschenaquarium geleitet wird. Der Ursprung der Flüssigkeit wird augenscheinlich links und rechts davon in zwei blauen mobilen Toiletten gesammelt, in denen das Publikum seine flüssigen Ausscheidungen hinterlassen soll – auch praktisch gesehen eine willkommene Möglichkeit, sich nach dem langen Schlange stehen zu erleichtern und dem notorischen Toilettenmangel in den Giardini zu entkommen. Wenn man außerdem weiß, dass es für Astronaut:innen, etwa in der internationalen Raumstation schon jeher normal ist, den wiederaufbereiteten Urin zu trinken, ist das ein nachdrücklicher Hinweis darauf, dass Technologien, die unseren Planeten und unser Wasser sauber halten können schon längst existieren – sie müssen nur eingesetzt werden. Aber dann tritt wie so oft ein Mann auf den Plan und baut im wahrsten Sinn des Wortes Scheiße. Einer hat sich nämlich nicht an die Bedingung gehalten und auch festes Material im Klo hinterlassen worauf die in einem weiteren Raum des Pavillons untergebrachte Kläranlage fast explodiert und vom weiblichen Bedienungspersonal nur unter großen Mühen und mit vollem Körpereinsatz wieder funktionstüchtig gemacht werden kann. Die Frauen räumen wie so oft die Scheiße weg.


Die Kläanlage noch vor der Explosion

Florentina Holzingers Pavillon ist eine hervorragend inszenierte und von einem großen Team eindrucksvoll zum laufen gebrachte Theatermaschine, wie man es in der bildenden Kunst sonst kaum findet. Genau das macht aber auch den großen Unterschied zur klassischen Performance aus, bei der das Ephemere der Unwiederholbarkeit und das sich einlassen auf die körperlichen und psychischen Grenzen im Vordergrund steht. Das Theater von Florentina Holzinger zelebriert die (weibliche) Körperlichkeit kaum weniger intensiv, aber sie zerlegt sie in möglichst genau kalkulierte und wiederholbare Einzelteile und baut sie wieder zu einem Gesamtablauf zusammen, der funktioniert wie ein Uhrwerk. Damit wehrt das Pavillon-Stück auch den Vorwurf, das Ähnliches schon früher zu sehen gewesen sei (etwa bei Flatz) ab.

Es ist die Kraft des Theaters, einem Publikum etwas so vorzuführen, dass es bei der 100. Aufführung genauso beeindrucken kann wie bei der Premiere. Damit begeistert Holzinger zurecht das Publikum bei der wichtigsten Kunstausstellung der Welt. Diese spezielle Situation zeigt aber auch die Unterschiede zwischen den beiden Kunstgattungen, der darstellenden und der bildenden auf. Denn wo das Theater sein Publikum für eine bestimmte Zeit der Aufführung zusammenführt und so einen dramaturgischen Spannungsbogen vom Anfang bis ans Ende legen kann, sind die einzelnen Stationen im Pavillon deutlich isolierter und die Gesamtwirkung abhängig von der individuellen Situation und der verfügbaren Zeit der Besucher:innen als es in den bisherigen Inszenierungen Florentina Holzingers der Fall war. Die Zeit die es braucht, um alle Stationen wirklich zu erleben, ist nirgends angegeben, und so ist man auf Glück angewiesen oder das eigene Durchhaltevermögen, um sich lange genug im Pavillon aufzuhalten.

Trotzdem ist Seaworld Venice ein mächtiges Plädoyer für die Gestaltungsmacht, die einer selbstbewusst agierenden Weiblichkeit innewohnt und proklamiert, dass das herrschende patriachale System bestehend aus Tech-Bro’s und Politikern mit feuchten Faschismus-Träumen ihre produzierte Scheiße gefälligst selber wegräumen sollen.

Mehr Texte von Werner Remm

Werbung
Werbung
Werbung

Gratis aber wertvoll!
Ihnen ist eine unabhängige, engagierte Kunstkritik etwas wert? Dann unterstützen Sie das artmagazine mit einem Betrag Ihrer Wahl. Egal ob einmalig oder regelmäßig, Ihren Beitrag verwenden wir zum Ausbau der Redaktion, um noch umfangreicher über Ausstellungen und die Kunstszene zu berichten.
Kunst braucht Kritik!
Ja ich will

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung

Florentina Holzinger - Seaworld Venice
09.05. - 22.11.2026

Österreichischer Pavillon - La Biennale di Venezia
30122 Venezia, Giardini della Biennale
https://www.biennalekneblscheirl.at
Öffnungszeiten: täglich 11 - 19 h, Fr, Sa bis 20 h,
Montag geschlossen außer 25/07, 15/08, 5/09, 19/09, 31/10, 21/11


Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2026 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: