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Timm Ulrichs 1940 - 2026

"THE END"

ließ sich Timm Ulrichs bereits 1981 auf sein rechtes Augenlid tätowieren, jetzt hat sich dieses Augenlid tatsächlich ENDgültig geschlossen, denn der "Totalkünstler", wie Ulrichs sich selber bezeichnete, ist in Berlin im Alter von 86 Jahren gestorben. "Total" war der Kunstbegriff des Neodadisten im besten Sinne des Wortes, den Ulrichs bespielte in seinen hartnäckigen Versuchen, Kunst und Leben nicht zu trennen, nahezu die gesamte Palette möglicher Kunstformen: Land Art und Performance, Konzeptkunst und Konkrete Poesie, Body Art und Lichtkunst zum Beispiel praktizierte er bereits als es diese Begriffe zum Teil noch gar nicht gab. So setzte er sich 1961 schlicht auf einen Stuhl und erklärte sich dann selbstbewusst als "erstes lebendes Kunstwerk". Im selben Jahr gründete er seine "Werbezentrale für Totalkunst und Banalismus" - Kunst, Leben und Ökonomie als experimentelle Dreieinigkeit. Als lebendes Kunstwerk ließ er seinen Urin Blau färben und lief 1977 mit einem umgeschnallten Blitzableiter bei einem Gewitter nackt über ein Feld. Legendär vor allen ist bis heute seine Hochzeit mit "Anna Blume", also der Kunstfigur die der MERZ-Künstler Kurt Schwitters 1919 mit seinem an Litfaßsäulen angeschlagenen Gedicht "An Anna Blume" geschaffen hat. Nicht nur vereinte Ulrichs hier die Welt der künstlerischen Fiktion mit dem "richtigen Leben", er inszenierte 1967 mit seiner Hochzeit zudem ein frühes Beispiel einer westdeutschen "Kunst im öffentlichen Raum", verkündete er doch seine Vermählung in Hochzeitsanzeigen in hannoveranischen Tageszeitungen. Gemeinsam ist all diesen Arbeiten, dass sie als performative Projekte gezielt und durchaus in dadaistischer Tradition das Schaffen von abgeschlossenen und verkaufbaren Werken ablehnten. Lediglich Ephemera wie Plakate, Flugblätter und Postkarten gab es lange Zeit von ihm zu erwerben.   

Später dann wurden die Arbeiten des Totalkünstlers, der von 1972 bis 2005 auch als Professor für Bildhauerei und Totalkunst an der Kunstakademie Münster tätig war, skulpturaler, so etwa seine Installation "Kopf-Stein Pflaster", 1980/94, die sich aus unzähligen "Kopf-Steinen" zusammensetzte: Der in Beton abgegossene Kopf des Künstlers lag da auf dem Boden.

Kennengelernt habe ich Ulrichs übrigens bereits 1977: als Schüler besuchte ich ihn in seinem Atelier in Hannover, das auch als Büro, Lager und Schlafraum diente, und bewunderte dort nicht nur seine, sondern auch die von ihm gesammelten Arbeiten. Ich blieb bis tief in den Abend, er ging dann noch zum Essen - in eine Taxifahrerkneipe, denn im Hannover der 1970er Jahre war es nicht so einfach zu späterer Stunde noch offene Restaurants zu finden. Und da Ulrichs keinen Führerschein besaß, kannte es sich im Taxifahrer-Milieu durchaus aus.

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Das Interview führte das artmagazine im Jahr 2021 im Rahmen seiner Einzelausstellung in einer Galerie in Wien

Mehr Texte von Raimar Stange

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