Sale/rey Weekend in Berlin?
Gleich 57 Galerien nahmen dieses Jahr an dem Drei-Tage-Event Gallery Weekend in Berlin teil, also galt es 19 Galerien am Tag zu besuchen - ein Ding der Unmöglichkeit, auch für den Kritiker, darum hier eine kurze subjektive Auswahl aus dem überbordenden Angebot.
Zu einem sehenswerten Höhepunkt des Gallery Weekends zählte sicherlich Rodney McMillians Ausstellung "In Other Realms" bei Capitain Petzel. Im Zentrum der Show steht McMillians Film "Plantation Bride", 2026, in dem der Künstler die Rede des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Ida B. Wells-Banett zitiert, in der dieser 1909 die rassistische Lynchjustiz anprangerte. Lynchmorde "sind eine erschütternde Anklage gegen die amerikanische Zivilisation. Der grausame Preis, den die Nation für ihre Rassentrennung zahlt", etwa ist da zu hören. Zu sehen sind dann u.a. Szenen der Vorbereitung einer sogenannten "Plantation Wedding", einer luxuriösen Hochzeit, die auch heute noch auf einer ehemaligen Plantage stattfindet, zynischerweise also auf einem berüchtigten Ort der Sklaverei in den USA.
Nicht weniger politisch engagiert ist Candice Breitz' Ausstellung "Hot Potato" in der Galerie KOW, in der wieder ein Video im Mittelpunkt steht, und zwar der zweiteilige Film "Dear Esther", 2025. Breitz verliest zwei Briefe, die sie an die antifaschistische Aktivistin Esther Bejarano (1924 - 2021) nach deren Tod geschrieben hat. Die Jüdin war als junge Frau nach Auschwitz verschleppt worden und überlebte dort, weil sie im "Mädchenorchester" des KZs das Akkordeon spielte, genauer: immer wieder den deutschen Kriegsschlager "Bel Ami". Eben dieses Lied wird dann in in zwei unterschiedlichen Versionen im Video gespielt. In den Briefen wird das bewegte Leben Bejaranos ebenso angesprochen, wie die Probleme Antisemitismus und künstlerischer Widerstand. Dass Bejarano, wie Breitz ebenfalls, auch israelische Menschenrechtsverletzung kritisierte und darum absurderweise als Antisemitin beschimpft wurde, kommt ebenfalls in dem Video zur Sprache. So gelingt Breitz hier mindestens Zweierlei: Zum einen gehen hier die Kritik an Antisemitismus und die an Israels brutalem und unverhältnismäßigen Vorgehen im Gazastreifen Hand in Hand, zum anderen knüpft sie mit dem Spielen der Lieder an künstlerische Strategien an, die prägend waren für ihre frühe "Postpop-Werkphase".
Ganz anders die Ausstellung von Jorinde Voigt in der Galerie Judin gleich um die Ecke. Unter dem Ausstellungstitel "Non-Fiktion" zeigt die Künstlerin neue mittelformatige Gemälde, zum Beispiel in Blau gehaltene Meeres- und Himmelslandschaften. Abstrakte Bilder in expressiv-lyrischer Stimmung werden also präsentiert, die an der Grenze zum gutgemachten Kitsch den Sammler verheißungsvoll zum Kauf auffordern, aber kaum mit ästhetische Qualitäten punkten können.
Malerei wird auch in der Galerie Michael Werner gezeigt, dieses Mal aber eine die durchaus Sinn macht. Die Ausstellung "MARKUS LÜPERTZ oder Die Überwindung der Moderne" präsentiert Gemälde der letzten Jahre vom "Altmeister" Markus Lüpertz. Stilistisch überraschen die Bilder des inzwischen 85jährigen Künstlers nicht, die Motivwahl aber sitzt immer noch. So ist auf dem kleinformatigen Bild "Helm und Schädel", 2026, ein Soldatenhelm gemalt, der auf einem menschlichen Schädel liegt - aktuell und prophetisch zugleich erscheint derzeit dieses expressive Gemälde, das zugleich eine beklemmende Ruhe ausstrahlt.
Eine echte Entdeckung dann in der Galerie BQ, nämlich Philipp Guflers Ausstellung "Imitationen von Paul". In Prozessen der Reflektion, Recherche und (Re)imignination gelingt Gufler eine künstlerische Rekonstruktion des Lebens und Arbeitens von Paul Hoecker. Der Maler Paul Hoecker (1854 - 1910) war Professor an der Münchener Kunstakademie, galt als "erster Moderner" dort und war Mitbegründer der Münchner Secession - trotzdem wurde das Werk des queeren Künstlers lange Zeit marginalisiert. Die überzeugende Ausstellung zeigt Textil- und Keramikarbeiten, die sich auf eine Spurensuche begeben, die Hoeckers Biographie neu liest und erforscht zugleich. Vor allem die Keramikserie "Sexualästhetiken" sticht da ins Auge. Gufler setzt in dieser Serie Bilder aus Hoeckers Leben mit kunsthistorischen Werken aus der Sammlung des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld in einen assoziativen Dialog, der Momente der Identifikation ebenso betont wie solche von Differenz. Ein klug gemachter Katalog zur Ausstellung komplettiert die spannende Präsentation.
Gleichzeitig zum Gallery Weekend ging das Sellery Weekend der Freien Szene der Stadt über die Bühne, immerhin 75 Projekträume öffneten an dem Wochenende ihre Türen. Bemerkenswert war z. B. die Ausstellung "DEBRIS" von Davide Zucco bei super bien!: In dem gläsernen Gewächshaus des von der Künstlerin Elisabeth Sonneck betriebenen Off-Spaces hat David Zucco unterschiedlich große Podeste auf einen roten Boden gestellt, auf denen kleinformatige Objekte liegen, die als skulpturale Ideenskizzen ebenso gelesen werden können, wie als modellhafte Erinnerungsstücke.
Ein Geheimtipp am Rande des Gallery Weekends war Claus Föttingers Retrospektive "bartyful Claus Föttinger 1975 - 2026" bei Grzegorzki Shows, dem Projektraum von Gregor Hildebrandt. Gekonnt unterläuft Föttinger hier die hohe Latte der Retrospektive und macht in dem eher kleinen Raum eben das was dort möglich ist: Er zeigt auf einem extra eingebauten Regalsystem unzählige Ephemera und kleinere einzelne Elemente seiner raumfüllenden (Bar)Installationen und erlaubt so dem Betrachter sich aus der Fülle der Exponate die eigene Version eines "Föttingers" imaginär zusammenzustellen.
Überschattet wurde das diesjährige Berliner Gallery Weekend von den Nachrichten der Tode von Georg Baselitz und dem "Totalkünstler" Timm Ulrichs. Arbeiten vom Ersteren waren übrigens in der lieblos kuratierten Gruppenausstellun"The Self Assessed" in der Galerie Max Hetzler zu sehen, in der Bilder von so unterschiedlichen Künstlern wie zum Beispiel Rita Ackermann, Tracey Emin und Thomas Struth mehr oder weniger sinnvoll arrangiert nebeneinander hingen.
Mehr Texte von Raimar Stange
Teilen





