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Über den Daumen

In »Regeln für den Menschenpark« charakterisiert Peter Sloterdijk das Lesen als eine eigentümliche Übung der Menschwerdung. Wer liest, verlässt die Unmittelbarkeit des Augenblicks und wendet sich einem Abwesenden zu, oft einem, der längst vergangen ist. In dieser stillen Geste der Aufmerksamkeit liegt eine Art der Selbstzivilisierung. Der Mensch formt sich, indem er sich bindet, indem er sich Zeit nimmt, indem er sich unterbricht. Das Buch wird so zum Medium der Sammlung, der Verlangsamung, der Ichwerdung.

Dem steht in Sloterdijks Argumentation das “Stadion” gegenüber, ein Raum der Gleichzeitigkeit, der Erregung, der kollektiven Affekte. Diese Opposition ist älter, als es zunächst scheint. Im antiken Rom markierte der Gegensatz zwischen literarischer Bildung und den Spektakeln der Arena eine erste kulturelle Schnittleiste. Hier die leise Arbeit am Selbst, dort die laute Ekstase der Masse. Hier der intime Denkvollzug, dort die kollektive Erregung. Der Humanismus entstand aus diesem Gegensatz, als Aussicht darauf, dass der Mensch durch Lektüre gezähmt, vielleicht sogar verbessert werden könne.

Doch diese Zuversicht, ja der Glaube an die Zivilisierung, ist mit der Geschichte fragwürdig geworden. Spätestens mit den Gräueltaten des 20. Jahrhunderts. Indem Sloterdijk in seinem Essay, der 1999 und damit im letzten Jahr dieses Jahrhunderts erschien, an Martin Heidegger und dessen Brief über den Humanismus anschließt, versucht er, den Humanismus kritisch zu überdenken. Bildung erweist sich nicht als Gegenkraft zur Barbarei. Sie hat sie vielmehr begleitet. Denn angesichts des Holocaust zerbricht die Vorstellung, der Mensch lasse sich durch Bücher veredeln. Heidegger, selbst durch Schuld belastet, antwortet darauf mit einer Verschiebung der Frage. Nicht mehr die Zähmung des Menschen sollte den Gedanken leiten, sondern ein vertieftes Vernehmen, sein Verhältnis zum Sein. Der Mensch ist dessen „Hüter“, und die Sprache ist das Haus, in dem sich dieses Verhältnis ereignet.

Vor diesem Hintergrund gewinnt ein unscheinbares Detail eine eigentümliche Prägnanz, der Daumen. Ihm gilt diese kurze Beobachtung. Denn der Daumen erscheint wie ein Sinnträger der Geschichte, von seiner römischen Bedeutung bis in die Gegenwart. In der kulturellen Imagination des “pollice verso”, im Urteil des Imperators in der Arena, war er Zeichen eines unmittelbaren Entscheids, eines Gestus, der im Stadion über Leben und Tod befindet. Im Buch hingegen verwandelt sich derselbe Daumen in ein Werkzeug der Zuwendung. Er blättert, tastet, hält inne. Zwischen diesen beiden Gesten spannt sich das Spektrum menschlicher Möglichkeiten, zwischen Exekution und Aufmerksamkeit, zwischen Affekt und innerer Sammlung.

Dabei ist der Daumen nicht einfach ein Werkzeug unter anderen. Er ist gewissermaßen das anatomische Korrelat menschlichen Weltbezugs. Was sich an ihm zeigt, ist eine minimale Geste, die maximale Konsequenzen zeitigt. In der Arena ist sie öffentlich und sichtbar dramatisch aufgeladen. Im Buch hingegen wird sie unscheinbar, privat. Dort entzieht sie sich der Gewaltförmigkeit und gewinnt an Dauer.

Nimmt man den Daumen als Gradmesser der Zivilisierung, ist seine Wiederkehr in den digitalen Medien mehr als nur aufschlussreich. Auf Plattformen wie Facebook oder TikTok ist der Daumen zum kleinsten, aber folgenreichsten Instrument der Gegenwart geworden. Der Daumen ist das Organ von Zustimmung und Ablehnung. Ein Tippen genügt, und ein Inhalt gewinnt an Sichtbarkeit oder verschwindet im Strom des Unbeachteten. Das Urteil ist nicht mehr endgültig, sondern seriell, nicht mehr pathetisch, sondern beiläufig. Es trägt keine Aura mehr, sondern erscheint als flüchtige, fast belanglose Regung.

In seiner aktualisierten Wirkung liegt zugleich seine problematische Verschiebung. Denn diese scheinbar nebensächlichen Gesten sind nicht isoliert, sondern werden gesammelt, gezählt und verrechnet. Sie fließen in algorithmische Ordnungen ein, die Weltbezug prägen, ohne je selbst als Instanz aufzutreten. Der Daumen ist moralischer und politischer Index, ein Entscheidungsorgan, das sich selbst an eine stochastische Maschine delegiert. Denn der einzelne Daumen urteilt dabei keineswegs souverän, wie es den Anschein nimmt, weder an der Spitze des Staates noch aus der Loge des Stadions. Vielmehr erliegt er dem Glauben, bedeutsam zu wirken, ermächtigt als Meinungsbildner in einer spannungsgeladenen Gegenwart. Was ihn attraktiv macht, ist seine doppelte Bedeutung, – zugleich Entlastung und neue Härte.

Sichtbar wird nicht das Urteil selbst, sondern seine statistische Verdichtung, als Beifall, Blase, Empörung, Shitstorm. Der Daumen der Gegenwart ist damit weder bloß Masse noch bloß Individualausdruck. Er ist beides zugleich, ein paradoxes Hybrid aus kollektiver Affektstruktur und subjektiver Selbstvergewisserung. Er ist kein Hüter des Seins, sondern Exekutor von Schuldsprüchen. Nimmt man Sloterdijks Gegensatz von Buch und Stadion auf, lässt er sich keiner Seite mehr eindeutig zuordnen. Er ist zugleich kontemplative Geste und Massensignal, inneres Meinungsbild und äußerer Affektstrom. Gerade diese Ununterscheidbarkeit macht ihn politisch so problematisch. Er wird zum Agens in der langen Geschichte der Vergessenheit des Zusammenhangs von Medium und Ichwerdung.

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Abbildung: David Shrigley: Really Good, Skulptur Trafalgar Square, Bronze, Sep 2016-März 2018, © Bildrecht, Wien 2026

Mehr Texte von Thomas D. Trummer

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