Bürgerlichkeit und Brüderlichkeit
Tronald Dump, um mit ihm zu beginnen, befindet sich gerade in einer theologischen Debatte mit dem Papst. Es geht, so grob gesagt, dass seine Entourage es womöglich auch versteht, darum, ob Bombenwerfen die Raison d‘Etre unserer Gegenwart darstellt. Leo XIV. meint, nicht, und er steht damit in der Tradition, ein Nonplusultra zu markieren, jenes Nicht-über-etwas-Hinaus, das der amerikanische Präsident Woche für Woche über den Haufen wirft. Die Tradition, in der Leo steht, könnte man mit einem Begriff, den Beat Wyss jetzt vorgeschlagen hat, das Genie des Abendlands nennen. Dass Wyss seinen Begriff von Chateaubriand entlehnt hat, passt um so besser. Beim französischen Romantiker lautet er Le génie du christianisme.
Und natürlich gehören das „Insel- und Halbinselreich am Westzipfel des euro-asiatischen Kontinents“ und die Religion, die sich ihm übergestülpt hat, zusammen. Was Wyss betreibt, ist Eurozentrismus, und er ist es de Luxe, mit Überzeugung, Souveränität und im Wissen, dass es gar nicht anders zu denken ist. Er exerziert es durch in seinem, unserem, dem kulturellen Feld: „Es soll sich zeigen, dass dem modernen Begriff vom Kunstwerk ein Wesenskern westlicher Werte im Geist republikanisch verfasster Zivilgesellschaften innewohnt.“ Berühmt geworden ist Wyss vor vierzig Jahren mit Trauer der Vollendung, der orthodox postmodernen Relektüre von Hegels Ästhetik. Dialektisch in dessen Tradition geht es auch jetzt zu: „Das Genie des Abendlands besteht somit in der paradoxen Fähigkeit, eine Tradition permanenter Selbsterneuerung zu entfalten.“
Wyss, Jahrgang 1947, Emeritus der HfG Karlsruhe (und früher Leiter des Instituts an der Universität Stuttgart, an dem sich der Verfasser dieser Rezension einst habilitierte), reichert seine Analytik mit reichlich Anekdotik an. Sie macht, jenseits der politischen Moral, deren Dringlichkeit dem Text aus allen Poren quillt, den Anteil an Vergnüglichkeit aus, den die immerhin mehr als 800 Seiten entfalten. So wird Hyacinthe Rigauds Haupt- und Staatsaktion an Herrscherporträt ein ebensolches aus der chinesischen Qing-Zeit gegenübergestellt. Ludwig XIV. und Kangxi regierten zur gleichen Zeit und über die gleiche Dauer von mehr als einem halben Jahrhundert. Doch wie ging es weiter mit dem Porträt und denen, die es darstellt? In Europa schlossen sich die Operettenherrscher an, in China dagegen blieb der Kaiser auf seinem hieratischen Enface so buchstäblich sitzen, dass auch noch der letzte der Dynasten, Puyi, 1912 auf seinem Thron klebt, jetzt immerhin per Foto.
Vieles, was Wyss vorstellt, verdankt sich der Interaktion zwischen den Zivilisationen. Sehr schön, wie Claes Pieterszoon, der sich nach einer Blume, die am Hof von Sultan Suleyman gedieh, Dr. Tulp nannte, eine Operation vornimmt, einen anatomischen Atlas bei sich, verfasst um 1550 von Vesalius, der wiederum in die Lehre gegangen war beim arabischen Mediziner Rhazes im Bagdad des 10. Jahrhunderts. Und Rembrandt hat diesen „Gang von Morgen nach Abend“ gemalt.
Es ist vor allem auch ein Gang in die Stadt. Noch heute, sagt Wyss, haben wir weniger eine Globalisierung als eine Metropolitanisierung. Damit ist seine Abhandlung auch ein Gegenentwurf zum momentanen Fokus auf die monarchischen Residenzen, wie sie seit Martin Warnkes Hofkünstler von 1985 in den Fokus rückten. Zum Genie des Abendlandes gehört vor allem, diese Allein- und Einzeldespoten und mit ihnen die Kunst, die sie inszenierte, wieder los geworden zu sein. Damit sind wir nochmals bei Tronald. Der hätte gern sein Zurück zu allen Absolutismen der Geschichte gleichzeitig. Plus ultra war die Devise des Habsburgerkaisers Karl V. Gern wäre TACO (you know: Trump always chickens out) darüber noch hinaus. Das Buch von Beat Wyss mag mithelfen, ihm diese Absicht zu verwehren.
Beat Wyss
Das Genie des Abendlands. Zur Weltgeschichte der Bürgerlichkeit
2 Bde. Köln 2026.
15,5 x 23 cm. 828 S. mit 330 meist farb. Abb., Bibliographie, broschiert.
ISBN: 978-3-7533-0497-7
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