Werbung
,

Miart: Kompakt und facettenreich

Mailand boomt. Das merkt man nicht zuletzt an den Immobilienpreisen, die selbst Münchner:innen die Tränen in die Augen treiben. Auch die Galerienszene zieht an. Mit dem Zuzug Reicher und Superreicher aus aller Welt aufgrund einer ihnen freundlich gesonnen Steuergesetzgebung hat es auch einige internationale Großgalerien hierhergelockt.

Die angestammte Kunstmesse Miart ist allerdings nie richtig durchgestartet. Doch das soll sich ändern. Zum 30-jährigen Jubiläum zieht die Veranstaltung in den spektakulären Bau des Kongresszentrums Allianz MiCo und verkleinert sich. Der scheidende Direktor Nicola Ricciardi begründet den Wechsel mit der Notwendigkeit, etwas Neues machen zu müssen um für die Sammler:innen attraktiv zu bleiben, die nicht mehr so viel reisen wie früher. Man könne nicht einfach jedes Jahr das Gleiche machen. Die Neuaufstellung erlaubt zugleich, eine überfällige Reduktion geräuschärmer zu vollziehen – Schrumpfung als kuratorische Maßnahme.

Architektonisch verabschiedet man sich in den beiden neu sortierten Sektionen vom  horizontalen Einerlei der klassischen Messehalle. Wo früher alles auf einer Ebene abgewickelt wurde, gliedert sich das Geschehen nun in drei deutlich differenzierte Geschosse. Der Parcours beginnt programmatisch mit „Emergent“, einer Sektion für Galerien, die nicht älter als zehn Jahre sind. Von dort führt der Weg ins Untergeschoss, wo die „Established“-Abteilung in verdichteter Form untergebracht ist – kompakter, mithin auch selektiver, an den Rändern allerdings immer noch ausfransend. Dass ein einheimisches Schwergewicht wie Raffele Cortese auf die Teilnahme verzichtet, dürfte bei der Akquise nicht geholfen haben.

Die Internationalität bleibt behauptet, wenn auch in vertrauter Mischung: 40 Prozent der 160 Ausstellenden kommen aus dem Ausland, meist etablierte Namen mit entsprechender Zugkraft, flankiert von vornehmlich jungen lokalen Galerien.

„Emergent“ ist erfreulich international. Wien ist mit Commune vertreten, Berlin mit Shahin Zarinbal und Köln mit Gaa (auch in New York).

Inhaltlich spannt sich das Angebot von junger Avantgarde, über internationale Standards bis zu italienischen Blue Chips. So lässt Gabriele Picco bei Ex Elettrofonica aus Rom die Standwände mit Löffelbiskuits auskleiden, auf denen seine ironisch grundierten Miniaturgemälde Platz finden – ein Setting, das mit einem Oldtimer-Leichenwagen kulminiert, der eine Wolkenskulptur zur letzten Ruhe geleitet. Die Galleria dello Scudo aus Verona setzt dem Arbeiten von Emilio Vedova aus den 1980er Jahren entgegen.

Auch die Wegeführung folgt einer neuen Logik. „Früher gab es ein Zentrum und viel Peripherie. Jetzt ist selbst die am weitesten entfernte Galerie nahe an einem Eingang.“ Ein Satz, der weniger topografisch als strategisch zu lesen ist: Sichtbarkeit wird neu verteilt, allerdings. Auf dieser Ebene sind 110 Galerien versammelt, ergänzt durch „Movements: Moving images“, ein neu lanciertes Filmfestival in Kooperation mit dem St. Moritz Art Festival. Die teilnehmenden Galerien konnten Beiträge einreichen, von denen 20 ausgewählt wurden, die jeweils einmal täglich gezeigt werden. Aus Österreich sind im Hauptfeld immerhin zwei Galerien dabei: Felix Gaudlitz und Hubert Winter.

„Auf Ebene 2 haben wir eine Art Boutiquemesse in der Messe geschaffen mit 20 Galerien“, erläutert Ricciardi weiter. Der thematische Rahmen – Zeit – ist weit genug gefasst, um Unterschiedliches zu integrieren, und präzise genug, um Kohärenz zu behaupten. Der Raum selbst tut sein Übriges: Parkettboden, größere Stände von 48 oder 96 Quadratmetern, eine insgesamt elegantere Anmutung. Galleria Continua bespielt beide Ebenen und setzt oben auf eine konzentrierte Solo-Präsentation mit Alicja Kwade, die das übliche Messe-Potpourri im regulären Teilnehmerfeld hinter sich lässt.

Am Ende bleibt das Experimentelle als Risiko wie als Versprechen. „Wenn man eine Messe neu erfindet, begibt man sich in unbekanntes Terrain.“ Die Straffung tut der Messe gut, ebenso wie die beiden Satellitenmessen.

Bereits zum dritten Mal tritt die Mega Art Fair an. Organisiert von einem Kunstberater, einer Kuratorin und einem Sammler, möchte sie ein junges Publikum ansprechen, dem der klassische Kunstbetrieb eher Schwellenangst vermittelt. Das funktioniert augenscheinlich ganz gut, das Vermittlungsprogramm, die Abendessen, Touren und Diskussionen werden gut angenommen. Die Teilnahme ist mit 4.000 Euro all inklusive erstaunlich günstig. Viele junge Londoner Galerien sind angereist, etwa Copperfield und Des Bains (auch bei Miart), wohl durch das Engagement der Galerie Harlesden High Street, die von Anfang an dabei ist. Aus Deutschland (Düsseldorf/Berlin) und Paris ist die Galerie Droste mit dabei, deren Künstler Tim Sandow auch gleich den Premio Eduoardo Barboni gewonnen hat. Die Messe läuft übrigens noch bis zum 25. April, um das Publikum der Design Week auch noch zu erreichen.

Nicht ganz so smart scheint die international mehr beachtete Premiere der Paris Internationale zu sein. Mit 34 Aussteller:innen ungefähr genauso groß, hat sie für ihre Premiere ein der Sanierung harrendes Bürogebäude schräg gegenüber vom Pirelli-Hochhaus bezogen. Die Pariser Mutter ist mittlerweile erwachsen und hat ihr Konzept einfach Eins zu Eins nach Mailand übertragen. Das funktioniert sicher ganz gut für die Eingeweihten der Kunstszene und ist deutlich cooler als die Miart. Ob Galerien wie Crèvecoeur, Jocelyn Wolff (beide Paris), Gregor Staiger (Zürich), Mezzanin (Genf) oder Sophie Tappeiner (Wien) hier wirklich neue Noch nicht-Sammler ansprechen können, ist allerdings eher fraglich.

Die Links zu den weiteren Messen:
⤇ megaartfair.com
⤇ parisinternationale.com/

Mehr Texte von Stefan Kobel

Werbung
Werbung
Werbung

Gratis aber wertvoll!
Ihnen ist eine unabhängige, engagierte Kunstkritik etwas wert? Dann unterstützen Sie das artmagazine mit einem Betrag Ihrer Wahl. Egal ob einmalig oder regelmäßig, Ihren Beitrag verwenden wir zum Ausbau der Redaktion, um noch umfangreicher über Ausstellungen und die Kunstszene zu berichten.
Kunst braucht Kritik!
Ja ich will

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung

Miart
17 - 19.04.2026

Allianz MiCo
Mailand, Viale Eginardo
https://www.miart.it
Öffnungszeiten: Fr, Sa 11:30-20, So 11-19 h


Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2026 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: