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Photo | Brut . Feeling Photography – From the Bruno Decharme Collection: Vermittlung des Unvermittelten

Die aktuelle Ausstellung im Foto Arsenal Wien zeigt unterschiedliche Positionen aus dem breiten Feld der Photo Brut aus der Sammlung des französischen Filmemachers Bruno Decharme, die dieser in über vierzig Jahren zusammengetragen hat.

Während der Begriff der Art Brut von Jean Dubuffet im Jahr 1948 geprägt wurde, findet ihr Pendant in der Fotografie erst seit den 2000er Jahren breitere Verwendung. Der Begriff steht dabei für eine Form der Fotografie, die von Menschen betrieben wird, die in ihr einen Ausdruck oder ein Ventil für ihre psychischen Einschränkungen finden, oder die Fotografie mit oft unglaublicher Intensität und Kreativität jenseits der üblichen Markt- und Verwertungslogik betreiben. Dabei beschränkt sich die Werkauswahl keineswegs nur auf die Fotografie selbst, sondern bezieht auch andere künstlerische Methoden mit ein. Manche der Künstler:innen sind bekannt, von manchen weiß man weder den Namen noch persönliche Lebensumstände.

Umfassend dokumentiert und von einer eigenen Stiftung verwaltet ist das Werk von Tomasz Machciński (1942 – 2022). Mit Hilfe von Make-up, Kleidung und Requisiten verwandelte er sich in historische Persönlichkeiten wie den Papst, Hollywoodstars und Mutter Teresa und fotografierte sich. Wie bei einem Schauspieler sind es die Veränderungen in Machcińskis Mimik und Körperhaltung, die seinen Verkörperungen besondere Glaubwürdigkeit verleihen.

Ebenfalls im internationalen Ausstellungsgeschehen verankert ist das Schaffen von Horst Ademeit (1937 – 2010), dessen umfassendes Werk erst 2008 entdeckt wurde. In tausenden Polaroids hat Ademeit, der 1970 kurz bei Joseph Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf immatrikuliert war, sein Lebensumfeld in Düsseldorf-Flingern dokumentiert. Auf den einzelnen Fotos vermerkte er in mikroskopisch kleiner Schrift Einflüsse von diversen Strahlen von denen er sich negativ beeinflusst fühlte. Zusätzlich arrangierte er Messegeräte wie Thermometer, Geigerzähler, Kompasse, Luxmeter und Feuchtigkeitsmessgeräte in seiner Wohnung, um die Auswirkungen der von ihm als Kältestrahlen bezeichneten Einflüsse zu registrieren. Und er machte Fotos mit Arrangements aus aktuellen Zeitungen, Lebensmitteln oder Briefen.

International bekannt ist auch das Werk des 1960 geborenen Leopold Strobl, der immer wieder im Haus der Künstler in Gugging arbeitet. Seine Arbeiten wurden vom Museum of Modern Art in New York angekauft, er war Teil der von Adriano Pedrosa kuratierten Hauptausstellung Foreigners Everywhere auf der 60. Biennale di Venezia im Jahr 2024. Strobl überarbeitet akribisch Ausschnitte aus Zeitungen mit schwarzer Farbe und fügt den kleinen Blättern dann einen immer grünen Himmel hinzu. Gelbtöne und selten Rot ergänzen die kleinen intimen Welten, die Strobl dabei kreiert.

Nichts weiß man über den oder die Autor:in der als „Type 42“ (benannt nach dem verwendeten Polaroidfilm) bezeichneten Porträts von Schauspielerinnen, die in den Jahren 1969 bis 1972 von einem Fernsehbildschirm abfotografiert wurden. Ebenso im Dunkel bleibt die Vita von „Zorro“, einem Mann, der sich über 30 Jahre immer wieder in unterschiedlichen Verkleidungen fotografierte. 

Die Ausstellung pendelt zwischen Skurrilität, Obsession, tiefer persönlicher Auseinandersetzung und kompromisslos ausgelebter Kreativität. Der wachsende Markt für die Outsider der Fotografie hilft immerhin dabei, vieler dieser im Geheimen entstandenen Werke dem Vergessen zu entreißen. Wir wissen (noch) nicht, ob in der Masse der aktuellen digitalen Bildproduktion ebensolche Pretiosen wie in der Sammlung Bruno Decharmes zu finden sein werden. Gerade der niederschwellige Zugang zur digitalen Fotografie sollte doch noch viel mehr Menschen inspirieren, unvermittelt und direkt in diesem Medium ihre Sehnsüchte, Fantasien, Ängste und Freuden auszudrücken. Wir sehen uns dann in der nächsten Ausstellung Photo Brut Digital.

Mehr Texte von Werner Remm

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Photo | Brut . Feeling Photography – From the Bruno Decharme Collection
22.04. - 06.09.2026

Foto Arsenal Wien
1030 Wien, Arsenalplatz, Objekt 19
Tel: +43 1 521890
Email: office@fotoarsenalwien.at
https://www.fotoarsenalwien.at
Öffnungszeiten: Di-So 11-19 h

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