A.rtificial I.ntrospection O. (A.I.O.): Algorithmus und Bewusstsein
Mit „A.rtificial I.ntrospection O.“ präsentiert die Halle für Kunst Steiermark eine Ausstellung zum Verhältnis von künstlicher Intelligenz, Kybernetik und zeitgenössischer Subjektivität. Ausgangspunkt ist das Werk des Schriftstellers, Denkpsychologen und Kybernetikers Oswald Wiener (1935–2021), dessen Reflexionen über Bewusstsein, Wahrnehmung und Selbstbeobachtung gegenwärtige Debatten über künstliche Intelligenz vorwegnahmen. Dabei stellt sich die grundlegende Frage, was vom menschlichen Selbstverständnis in einer Welt übrigbleibt, die zunehmend von algorithmischen Systemen geprägt wird.
Die Ausstellung versammelt historische und zeitgenössische Positionen von Künstler*innen wie Jenna Bliss, Günter Brus, VALIE EXPORT, Tishan Hsu, Morag Keil, Josh Kline, Michael Krebber, Maria Lassnig, Ken Okiishi, Walter Pichler, Rudolf Polanszky, Dieter Roth, Agnes Scherer, Tiffany Sia, Franz West sowie Ingrid Wiener. Dabei vermeidet die Schau eine rein illustrative Bezugnahme auf Wieners Denken. Vielmehr entsteht ein Dialog zwischen unterschiedlichen künstlerischen Generationen, deren Arbeiten Fragen nach Körperlichkeit, Wahrnehmung, Sprache und technologischer Vermittlung aus jeweils eigener Perspektive verhandeln. Gleichzeitig erteilt die Ausstellung eine Absage an lineare Fortschrittsnarrative. KI erscheint hier nicht als isoliertes Phänomen der Gegenwart, sondern als Teil einer längeren Geschichte kybernetischer Denkmodelle und Technologien der Selbstbeobachtung. Wieners Kritik am humanistischen Subjekt sowie seine Auseinandersetzung mit Alan Turings Automatentheorie bilden einen theoretischen Rahmen, durch den aktuelle Entwicklungen neu lesbar werden.
Von besonderer Relevanz ist dabei Wieners Überzeugung, dass Bewusstsein nicht auf Sprache reduzierbar sei und deshalb nicht einfach durch technische Systeme simuliert werden könne. Angesichts der rasanten Verbreitung generativer KI und großer Sprachmodelle gewinnt diese Position erneut an Aktualität. Unter den jüngeren Arbeiten hervorzuheben ist Agnes Scherers Arbeit „An unnamed file contains an incorrect path“ (2021), die Elemente einer Computeroberfläche in ein räumliches und zugleich theatralisches Arrangement überführt. Scherer macht damit die oft unsichtbaren Prozesse der Übersetzung, Codierung und Bedeutungsproduktion sichtbar, die digitale Systeme strukturieren. Die hybriden Körperbilder Tishan Hsus („Breath 2,“ 2021), Walter Pichlers mediale Prothesen („TV-Helm [Tragbares Wohnzimmer], 1967/2022) oder Maria Lassnigs verschiedenste Untersuchungen des Körperbewusstseins verdeutlichen, dass Subjektivität nicht allein durch Informationsverarbeitung verstanden werden kann, sondern wesentlich an verkörperte Erfahrung gebunden bleibt.
Während sie Oswald Wieners radikale Überlegungen zum Bewusstsein mit aktuellen Positionen in Beziehung setzt, entwickelt die Ausstellung ein differenziertes Verständnis von Selbstbeobachtung als ästhetische, epistemologische und politische Praxis.
Mehr Texte von Walter Seidl 20.05. - 06.09.2026
Halle für Kunst Steiermark
8010 Graz, Burgring 2
Tel: +43 316 740084
Email: info@halle-fuer-kunst.at
https://halle-fuer-kunst.at/
Öffnungszeiten: Di-So 11-18 h
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