Werbung
,

Marlie Mul - Das Budget: Gefaltete Bilanzen

Es ist lange her, dass die Galerie Croy Nielsen eine Ausstellung von derart kontrollierter Nüchternheit gezeigt hat wie „Das Budget“ der niederländischen Multimedia-Künstlerin Marlie Mul (*1980). Man könnte von einem Kurswechsel sprechen – oder, vorsichtiger, von einer Korrektur:

Keine megaloman herabhängenden „Häute“ wie bei Sandra Mujinga, keine monströsen Liegesessel, aus denen bei Nina Beier Münzen rieseln, keine verführerisch-lasziven Bildökonomien à la Joanna Woś, kein kalkuliertes Malerei-Desaster im Stil von Benoît Maire. Auch keine subtil inszenierte Makabrität wie bei Soshiro Matsubara. Stattdessen: Entzug. Reduktion. Raster. Optik. Geometrische Abstraktion. Serialität und Wiederholung. Dominanz des Materials. Eine Galerie, die ihr Publikum sonst zuverlässig mit kalkulierter Irritation traktiert, übt sich plötzlich in Zurückhaltung.

Denn das eigentliche Paradox der Kunst liegt nicht in ihrer bloßen Nutzlosigkeit, sondern in der demonstrativen Insistenz auf ihr. Kunst produziert Verluste – ökonomische, affektive, symbolische – und genau daraus speist sich ihr Antrieb. Wer versucht, diese Verluste zu minimieren, rührt am Fundament. Die Frage ist also nicht, ob sich etwas reduzieren lässt, sondern was dabei preisgegeben wird. Was bleibt vom künstlerischen Anspruch, wenn Risiko zur kalkulierbaren Größe schrumpft?

Bedeutet das im Umkehrschluss, dass Produzent:innen ihren Einsatz drosseln sollten? Oskar Dawicki hat diese Logik bereits 2007 in „Eine fatale Lotterie“ zugespitzt: ein Spiel, das man nur verlieren kann – und gerade darin seine Konsequenz findet.

Und überhaupt: Wenn eine bipolare Ökonomie strikt nach Gewinn und Verlust bilanziert, wie lässt sich dann künstlerischer Erfolg messen – oder Misserfolg verbuchen? Mul antwortet darauf mit einer Ausstellung, die ebenso nüchtern wie programmatisch wirkt: pragmatisch, auch im Lichte der Traditionen ihrer Herkunft. Sie entwickelt eine neuartige Vielfalt skulpturaler, abstrakter Wandreliefs aus pigmentiertem Silikon. Die geformten Platten werden gefaltet und gerollt, was ihnen eine eigentümliche Dichte und latente Spannung verleiht. Den Arbeiten haftet etwas Diagrammatisches an; aus der Distanz erscheinen sie wie gefaltete Bilanzen. Titel wie Large Charm oder Pouch unterstreichen diese semantische Ökonomie.

Obwohl die Werke industriell gefertigt wirken, entstehen sie in aufwendiger Handarbeit – ein Umstand, der das Humane und Körperhafte umso deutlicher hervortreten lässt. Auch die gedämpften Farbtöne der Wandskulpturen tragen zu dieser eigenartig kontrollierten Empfindsamkeit bei.

Eine versöhnliche Antwort auf die Zumutungen der Gegenwart bleibt Mul schuldig. Ihre Geste ist kühl, beinahe spröde: eine Praxis der Reduktion, die – anstatt künstlerische Kreativität zu minimieren – auf Effizienz zielt. Pragmatismus erscheint hier nicht als Tugend, sondern als Methode.

Mehr Texte von Goschka Gawlik

Werbung
Werbung
Werbung

Gratis aber wertvoll!
Ihnen ist eine unabhängige, engagierte Kunstkritik etwas wert? Dann unterstützen Sie das artmagazine mit einem Betrag Ihrer Wahl. Egal ob einmalig oder regelmäßig, Ihren Beitrag verwenden wir zum Ausbau der Redaktion, um noch umfangreicher über Ausstellungen und die Kunstszene zu berichten.
Kunst braucht Kritik!
Ja ich will

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung

Marlie Mul - Das Budget
16.04. - 16.05.2026

Croy Nielsen
1010 Wien, Parkring 4
Email: info@croynielsen.com
http://www.croynielsen.com
Öffnungszeiten: Mi-Sa 12-18 h


Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2026 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: