Carlos Motta - Pleas of Resistance: Identitätstransfer und Geschlechterdimensionen
Das Linzer OK beweist mit der Ausstellung „Pleas of Resistance” von Carlos Motta, wie wichtig es ist, sexueller Diversität eine Sichtbarkeit zu verschaffen und diese in einem transkontinentalen sowie transhistorischen Kontext zu verorten.
Motta bedient sich seiner Sexualität als Chiffre, um auf historische und vor allem religiöse Praktiken zu verweisen, in denen die Gewalt des einen die Lust des anderen bzw. vice versa stimulieren mag. Die Ausstellung wurde als Mid-Career Survey für das MACBA Barcelona 2025 angelegt und nun vom OK übernommen und adaptiert. Sie ist in vier Narrationselemente unterteilt: queere koloniale Geschichte, abweichende Körperpraktiken, Glaube und Liebe als Widerstand, sowie transliminale Welten, in denen die Grenzen des libidinösen Körpers überschritten werden.
Motta nutzt das OK Linz als Laboratorium für eine queere Archäologie der Gegenwart. Seine Ausstellung entfaltet ein dichtes Geflecht aus filmischen Essays, dokumentarischen Fragmenten und aktivistischen Gesten, die sich gegen eine normative Geschichtsschreibung richten. Beginnend in der Kapelle vor dem OK zeigt Motta die Videoarbeit „Requiem: Inverted World“ (2016), in der sich der Künstler selbst in Bondage Manier nackt an ein Kreuz fesseln und kopfüber in die Höhe ziehen lässt. Die Arbeit gilt als Reverenz an Caravaggios „Kreuzigung des Heiligen Petrus“ aus 1600. Projiziert über einem Spiegel treten sowohl Positiv- als auch Negativeffekt ein, wodurch Motta seinen eigenen, invertierten Körper zu Momenten einer erzwungenen sexuellen Unterdrückung sowie religiösen Verbannung in Relation stellt.
Im Zentrum der Ausstellung stehen mehrere Videoarbeiten, die die Stimmen marginalisierter Communities hörbar machen, etwa die 3-Kanal Video Installation „Air of Life” (2023), die sich mit indigenen Kosmologien des kolumbianischen Amazonas, der Gewalt kolonialer Missionierung und der Wiederbelebung unterbrochener kultureller Praktiken beschäftigt. Motta verschränkt seine Arbeiten mit performativen Sequenzen, wodurch die Protagonist:innen nicht als Objekte eines ethnografischen Blicks erscheinen, sondern als Autor:innen ihrer eigenen Narrationen.
Ein Teil der Ausstellung ist dem Thema HIV/AIDS gewidmet, darunter die große Videoprojektion „Legacy” (2019). Sie zeigt den Künstler, wie er direkt in die Kamera blickt und einen Dental-Gag trägt, während er versucht, einen historischen Ablauf an Ereignissen zu HIV/AIDS von 1980 bis 2019 widerzugeben. Weiters durchziehen zahlreiche fotografische Selbstporträts die Ausstellung. Die frühesten stammen aus den 1990er Jahren. Sie zeigen Motta, wie er für die Kamera fiktive Figuren in unheimlichen, konstruierten Landschaften verkörpert. Diese, in schwarz-weiß gehaltenen Bilder stellen Szenen dar, in denen sein Körper, sein Geschlecht und seine Sexualität zu formbaren Requisiten werden, die bis zur Unkenntlichkeit verwandelt sind.
Motta gelingt es, die institutionelle Bühne zu nutzen, um explizit gesellschaftliche Fragestellungen zu formulieren. Seine Arbeiten fordern das Publikum heraus, die eigene Position innerhalb hegemonialer Strukturen zu reflektieren. Das OK Linz präsentiert damit eine Ausstellung, die nicht nur auf Repräsentation setzt, sondern auf die Produktion neuer politischer Imaginationen, und wird dadurch zu einem Resonanzraum, in dem politische Selbstbehauptung ästhetische Form annimmt.
Mehr Texte von Walter Seidl 28.03.2026 - 10.01.2027
OK Linz
4020 Linz, OK Platz 1
Tel: + 43 732 7720-, 52502
Email: info@ooelkg.at
http://www.ooekultur.at
Öffnungszeiten: Di, So, Fei 10-18 h
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