Antifascism:Now.: Ein künstlerischer Kult für die Demokratie
In einem kleinen Hinterhof im Münchner Osten versteckt sich ein ehemaliges Fabrikgebäude. Bis in die 1980er Jahre wurden hier Verbrennungsmotoren instandgesetzt; jetzt wird in der Lothringer 13 Halle die Zivilgesellschaft mit Empathie aufgerüstet.
Der neue Ausstellungsintervall Antifascism:Now. ist dabei nicht nur als Präsentation angelegt, sondern als präventive Praxis. Das Projekt versteht sich als kollektiver Akt gegen reaktionäre Tendenzen und definiert Antifaschismus als demokratische Maßnahme, jenseits politischer Zugehörigkeit. Um uns alle „für den Faschismus unbrauchbar zu machen“, setzt der Künstler und Kurator Kalas Liebfried auf transdisziplinäre Kulturarbeit. Für das Opening Ritual am vergangenen Wochenende verwandelte sich der luftige Ausstellungsraum in ein Forum für Diskussionen, Workshops, Performances und Teilhabe.
Als transnationales Netzwerk, rückt Antifascism:Now. besonders (süd-)osteuropäische Perspektiven in sein Zentrum. Eine Brücke wird geschlagen zwischen München – der „Stadt der Bewegung“ im Nationalsozialismus – und Orten, deren demokratische Strukturen im Augenblick durch autoritäre Regierungen bekämpft werden. Sobald die Ausstellung in München ihr Ende gefunden hat, begibt sich Antifascism:Now. in Kooperation mit dem Goethe Institut auf Tour: Bis 2028 werden Partnerinstitutionen in Athen, Belgrad, Sarajevo, Lviv und vielen weiteren Städten eine jeweils eigene Version der Ausstellung konzipieren. Antifascism:Now. ist kein deutscher Exportschlager, sondern eine situative Antwort auf gemeinsame Fragen.
In München setzt sich die Ausstellung größtenteils aus Arbeiten mit dokumentarischem Ansatz zusammen. Von Forensic Architecture wird die räumliche Recherche zur Ermordung des griechischen Rappers und Aktivisten Pavlos Fyssas gezeigt. Durch detaillierte Auswertungen von CCTV-Aufnahmen und polizeilichen Protokollen rekonstruiert das Kollektiv den Tathergang – und deckt auf, dass es sich nicht nur um einen genau geplanten Mord handelte, sondern auch, dass die lokale Polizei aktiv nichts tat. Die Recherche trug maßgeblich zu einer Verurteilung und Inhaftierung der neonazistischen Gruppierung Golden Dawn bei. Einen ähnlichen, wenn auch abstrakteren Zugang findet Jonas Höschl, der in seiner Arbeit rechte Milieus kartografiert. Zum Schäfchen ist in Aufnahmen des Journalist:innen Kollektivs recherche-nord verankert, das Akteur:innen der extremen Rechten folgt und ihre Strukturen dokumentiert. In seiner brettspielartigen Installation macht der Künstler den Angriff des rechtsextremen Verlegers Götz Kubitschek auf einen Journalisten körperlich erfahrbar. Viele der gezeigten Arbeiten folgen diesem Prinzip und hinterfragen das Verhältnis zwischen Beobachten und Mittäterschaft. Kurz vor der Ausstellungseröffnung wird diese Frage unerwartet konkret, als Instagram das Profil der Lothringer 13 mit einem Shadowban belegt. Die Seite ging zwar nicht offline, war vorübergehend aber so gut wie unbenutzbar.
Sichtbarkeit und Normalisierung von Gewalt im digitalen Raum spielt auch in Lexi Fleurs Beitrag eine Schlüsselrolle. Die Künstlerin, die derzeit eigentlich vielmehr als Kriegsdokumentalistin arbeitet, präsentiert die makabrere Videoinstallation Hello-82/Privet-82 und fordert das Publikum auf, die Perspektive russischer Drohnenoperatoren einzunehmen. Auf einem Gamingstuhl sitzend blickt man durch ein VR-Headset auf sich bewegende Ziele. Die Aufnahmen zeigen Zivilist:innen, die wie bei einer Safari erlegt werden – das verwendete Bildmaterial stammt aus verschiedenen Telegramm Gruppen russischer Soldaten. Nicht weit von Lexi Fleurs emotional unbequemen Gamingstuhl hat Stanislava Pinchuk den kleinen Kellerraum der Lothringer 13 Halle in einen scheinbar blutigen Bunker verwandelt. In ihrer Dreikanal Arbeit Vampiët untersucht sie die Verbindungen zwischen (weiblichen) Körpern, Verschwörungstheorien und totalitären Regimen. Boden und Wände sind in dunkelroter Latexfarbe gestrichen, jeder Schritt hier fühlt sich seltsam sticky an. Dieses klebrige Unbehagen begleitet die Betrachtenden durch die Ausstellung, wird aber punktuell von Ansätzen aufgebrochen, die auch optimistische Narrative anbieten. Talya Feldmans Klang-Collage etwa eröffnet eine akustische Parallelwelt, in der die Öffentlichkeit zu einem Ort von Resilienz und Respekt wird. Und auch Patrick Thomas Cinevan versucht die Grenzen des öffentlichen Raums zu erweitern. Sein Kinomobil wird die Lothringer Halle daher bereits im Frühling verlassen, um München mit Guerilla-Kino zu bespielen.
Seit Kalas Liebfried im letzten Jahr die künstlerische Leitung übernommen hat, steht die Korrelation von Krisen und Ideologien im Zentrum des kuratorischen Konzepts. Als Konsequenz wurden die Grenzen zwischen Kunst, Journalismus und Aktivismus aufgelöst und zu einem multisensorischen Instrument für soziale Veränderung verschmolzen. Dafür, so scheint es, hat der Künstler einen eigenen (Anti-)Kult ins Leben gerufen. Für insgesamt fünf Jahre hat dieser sein Hauptquartier in der Lothringer Straße bezogen, wo er nun Rituale der kollektiven Wachsamkeit einstudiert.
Okkulte Bewegungen sind historisch wie gegenwärtig oft in einem rechten Spektrum verortet, Faschismus floriert durch Symbole und Mystifizierung. Antifascism:Now. reagiert darauf mit einer beherzten Umcodierung: Eigene Rituale, Zeichen, Fahnen und Merch kapern faschistoide Ästhetik. Im Herzen der Lothringer 13 Halle entsteht durch ein modulares (und leicht dystopisch anmutendes) Plenum ein klar definierter Versammlungsort. Hier sollen soziale Verantwortung praktiziert, und neue Allianzen geschmiedet werden. Ob diese Strategie letztlich aufgehen wird und es gelingt, die Definition von Antifaschismus aufzubrechen, wird sich zeigen. Klar ist jedoch unser Handlungsdruck, neue Formen des Widerstands zu entwickeln und antifaschistische Arbeit wirksam zu initiieren. Jetzt.
Mehr Texte von Veronika Beck 31.01. - 31.07.2026
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