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Exzellenz im Eimer

Nein. Ein Aufreger ist es nicht, sicherlich aber auch keine Sternstunde, dass der Berliner Preis der Nationalgalerie im kommenden Jahr an Maurizio Cattelan gehen wird. Im Pressetext zur letzte Woche verkündeten Jubelnachricht prompt als „einer der einflussreichsten Künstler der Gegenwart“ eingepreist, ist der 65-jährige Italiener aus dem wunderseligen Padua in der Tat vor allem außerhalb des Kunstbetriebs bekannt für eine Kunst aufwändig hergestellter, clownesker Gesten: oft á la Madame Toussaud in Objektform zurechtgemachte Memes, die, Meme-typisch, vom Ungleichgewicht zwischen Aufmerksamkeitswert und intellektueller Nachhaltigkeit zehren – Stichwort Goldklo, Titel „America“. Selbsterklärend, dass die Kunst und ihr Betrieb heute ganz andere Probleme – und manchmal auch Qualitäten – haben.

Vergeben wird die Auszeichnung traditionell vom einflussreichen Förderverein „Freunde der Nationalgalerie.“ Dazu muss man wissen: Die Nationalgalerie, Berlins Supermuseum für die Kunst seit der Moderne, verteilt sich auf drei mittlerweile strikt separat dirigierte Institutionen: die Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel, die Neue, derzeit um einen nicht nur aufgrund dramatisch gestiegener Baukosten kritisierten Erweiterungsbau vergrößerte Nationalgalerie am Kulturforum sowie das Gegenwartskunstmuseum Hamburger Bahnhof, das im Prinzip seit seiner Gründung 1996 vergeblich um ein eigenes institutionelles Profil ringt. Notorisch unterfinanziert, wissen alle drei Häuser – bzw. ihre Leitungen – das Engagement der „Freunde“ durchaus zu schätzen, die so manches Werk für die NG-Sammlung erworben, so manchen Programmpunkt finanziert und so manche Ausstellung gleich ganz und gar an Land gezogen haben. In diesen Kontext gehört der Preis.

Der wurde bisher in einem etwas umständlichen, sichtlich dem renommierten Turner Prize nachmodellierten Verfahren turnusmäßig alle zwei Jahre im Hamburger Bahnhof ausgerichtet. Und er wandte sich an, was der Kunstbetrieb als emerging artists kennt – gerne Berliner Provenienz. Dabei folgte auf eine Shortlist-Präsentation von vier Kandidat:innen die eigentliche, seit 2006 von BMW finanzierte Ausstellung der jeweils aus der Vorrunde per Jury-Entscheid ermittelten Preisträger:innen. Vorteil: der eher mit Quadratmetern als mit Programm protzende Hamburger Bahnhof konnte so immer gleich zwei Ausstellungen mit vielversprechendem künstlerischem Nachwuchs in sein Portfolio aufnehmen – und auch dem lokalen Kunsthandel war gedient.

Die Prämierung Cattelans bricht mit diesem Modus. Er ist insofern aber nur ein kleiner Paukenschlag, weil ihm zwei größere vorausgegangen waren: Wie schon im September bekannt wurde, ist nämlich, erstens, neuerdings die von Klaus Biesenbach regierte Neue Nationalgalerie Austragungsort der Preisausstellung. Für diese wurden zudem neue Modalitäten ausgerufen: Cattelan wurde von einer dreiköpfigen Jury – neben Biesenbach waren die Direktorin der Pinault Collection sowie Sam Keller, Direktor der Fondation Beyeler, Basel an Bord – gekürt: Promi-Alarm inklusive. Die Vorrunde entfiel, auch aufgrund der künftig gewünschten Exzellenz. Der zweite Paukenschlag liegt nur noch als Echo in der Luft, nachdem der letzte, 2024 noch im – von Till Felllrath und Sam Bardaouil leutselig geführten – Hamburger Bahnhof aufgelegte Preis gar keine Sieger mehr kennen wollte. (Man investiert schließlich eh viel lieber in Gratis-DJ-Sets im Museumsvorgarten.) Damals wurden kurzerhand alle vier Shortlist-Nominierten zu Preisträgern deklariert, das Verfahren damit ad absurdum geführt. Man wolle, „Freunde“ hin oder her, so stattdessen ein Zeichen für den „kollektiven Austausch“ (Pressetext) setzen: top down, versteht sich. Der Kerngedanke des Preiswesens, Exzellenz als „hergestellt“ zu zeigen, war da also schon im Eimer – und damit Platz für Cattelan.

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Abbildung: Maurizio Cattelan, Neue Nationalgalerie, Berlin, © Peter Rigaud, 2025

Mehr Texte von Hans-Jürgen Hafner

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