Solide
Das Adjektiv „solide“ hat im Zusammenhang mit Kunstmessen oft einen etwas faden Beigeschmack. Die aktuelle Ausgabe der Art Cologne so zu bezeichnen, ist daher nicht ganz unheikel. Und trotzdem zutreffend.
Knapp 170 Galerien sind genug. Das sagt Daniel, Direktor der Art Cologne, im Gespräch. In der aktuellen Marktsituation sei das die angemessene Größe für seine Kunstmesse, weil die Kaufkraft vor Ort für mehr Aussteller nicht auskömmlich sei. Ein Kennzeichen der ältesten und ganz früher wichtigsten Messe für Zeitgenössische Kunst ist tatsächlich der Realitätssinn, der hier vorherrscht. Solide bedeutet, einerseits den Besuchern ein Angebot zu machen, das ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten entspricht, und andererseits den Ausstellern eine Plattform zu bieten, die ihnen Umsatz und Netzwerkpflege ermöglicht.
Beides gelingt der Art Cologne in ihrer aktuellen Ausgabe. Die mangelnde Internationalität des Ausstellerfeldes wird bisweilen bemängelt, nicht selten allerdings genau von jenen Menschen, die dann doch wieder nur bei deutschen Galerien kaufen, wenn überhaupt. Das ist das Problem vieler Regionalmessen. Das ist in Brüssel oder Chicago nicht anders. Allerdings scheint das Rheinland mit seiner hohen Dichte an Institutionen und Sammler:innen immer noch attraktiv genug zu sein, um wichtige Player wie Thaddaeus Ropac (Salzburg/Paris/London), Sprüth Magers (Berlin/London/LA/NY), Karsten Greve (Köln/Paris), Michael Werner (Berlin/London/NY) oder Dirimart (Istanbul) an den Rhein zu locken. Und jetzt auch wieder André Sfeir-Semler aus Hamburg und Beirut, die gerade als erste nicht in Europa geborene Preisträgerin mit dem Art Cologne Preis geehrt wurde.
Der fruchtbare Nährboden der rheinischen Sammeltradition und der lebendigen Museumslandschaft spiegelt sich auch in der Messe. Aufbauend auf den Händlern der Klassischen und Nachkriegsmoderne im Untergeschoss, zeigen im Obergeschoss auch die zeitgenössischen Galerien bisweilen Historisches. So sind bei Juerg Judin aus Berlin im Kabinett seiner Solopräsentation von Cornelia Schleime frühe Fotografien der Künstlerin aus der DRR-Zeit sehen, die den Vergleich mit der museumswürdigen Gegenüberstellung früher Arbeiten von Annegret Soltau und Jürgen Klauke am Stand der Galerie der kürzlich verstorbenen Anita Beckers aus Frankfurt nicht scheuen müssen.
Der monumentale Nachbau von Teilen des Pergamonaltars von Zuzanna Czebatul bei Dittrich & Schlechtriem aus Berlin lässt den gegenüberliegenden Stand von Sprüth Magers alt aussehen. Einer der größten Hingucker der Messe ist Adriano Amaral’s tropfende Installation „Cabeça D’água“ in einem futuristischen oktogonalen Pavillon, den die Galerie Yehudi Hollander Pappi aus Sao Paolo aufgebaut hat.
Kölns Galerienszene war auch immer schon für Überraschungen gut. So organsierten einige Kollegen 1993 die Unfair als Gegenveranstaltung zur Art Cologne aus Protest. 2005 wurde die als Satellitenmesse für junge Positionen gestartete Rheinschau als Open Space kurzerhand in die Muttermesse geholt. Heute gibt es wieder eine Parallelmesse, die von Ausstellern der Art Cologne organisiert wird, diesmal allerdings im Einklang mit der Messe und sogar als Teil des VIP Programms. Neu Cöln versammelt rund 50 Positionen von 34 Galerien. Hier traf sich denn auch schon am Mittwoch zur Eröffnung die gesammelte junge Szene, gibt es hier doch nicht nur Kunst im rumpeligen Abbruchcharme einer leerstehenden 50er Jahre Immobilie in bester Lage, sondern auch Konzerte. Hier ist das Ambiente weniger solide als das Angebot, aber ebenso ansprechend.
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