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Botanizing the Asphalt: Because the night belongs to us

Das Flanieren ist für avancierte Stadtbewohner:innen die idealtypische Beschäftigung. Mehr oder weniger ziellos durch Straßen und Gassen zu streifen und dabei das Gesehene und Gehörte mit gesteigerter Achtsamkeit in sich aufzusaugen und das ausschließlich zur eigenen Erbauung und Freude ist eine besondere Form des Müßiggangs. Das achtsame Gehen, eben das Flanieren stellte für Walter Benjamin die einzige Möglichkeit dar, die wahren Verhältnisse der Stadt zu erkennen und ihnen Ausdruck zu verleihen.

Das „botanisieren auf dem Asphalt“ aus Walter Bejamins Passagenwerk nimmt die Kuratorin Sara Castelo Branco als einen Ausgangspunkt für ihre Ausstellung „Botanizing the Asphalt“, die noch bis zum 13. Dezember in der KEX-Kunsthalle Exnergasse zu sehen ist. Doch nicht die Figur des oder der Flanierenden an sich ist Thema der Ausstellung, es sind Aufmerksamkeit und Achtsamkeit für das Stadtgeschehen die sich im Flanieren ausdrücken, mit der die Kuratorin den Blick auf das eigentliche Thema ihrer Zusammenstellung schärfen will: Die politische Bedeutung von Licht in Stadträumen.

Erst durch die Möglichkeit der Beleuchtung, ist die Stadt auch in der Nacht zu einem Lebensraum geworden, zur Bühne für Selbstinszenierung ebenso wie für sozialen Austausch. Die Magie der „City Lights“ wird gerne für touristische Zwecke beschworen und die Politik inszeniert sich gerne mit Lichtshows und im Rahmen der „Eröffnung“ von Weihnachtsbeleuchtungen, oder besetzt Problemstellen im Stadtleben mit Angstinszenierungen um dunkle Ecken, um mit der Unsicherheit auf Stimmenfang zu gehen. Dabei kann der nächtliche Stadtraum viel mehr sein als nur Unterhaltungsstätte. Politische Partizipation, Zusammenkünfte, und Kundgebungen können durch die nächtliche Situation Anliegen oft nachhaltiger vermitteln. Lichtinszenierungen und Projektionen sind starke Boten für Protest und verleihen Forderungen mehr Nachdruck.

„Botanizing the Asphalt“ vermittelt einen urbanen, offenen, vielfältigen Zugang zu den Möglichkeiten, die Nacht wieder als Ort des gesellschaftlich aktiven Zusammentreffens nutzbar zu machen. Zentraler Eycatcher der Ausstellung ist die Arbeit von Jonathan Uliel Saldanha, die verkehrt von der Decke hängende Äste und Sträucher zeigt, welche von einer Projektion beleuchtet und durchdrungen werden. Stadt und Dschungel verschmelzen zu einer glitzernden, toxischen Dystopie. Andere Werke betonen dagegen die Möglichkeiten der Aktivierung kollektiven Handelns. Haig Aivazians Video Film All of Your Stars Are but Dust on My Shoes zeigt Zusammenschnitte staatlicher Überwachung, Unterdrückung von nächtlichen Protesten und die subtilen Mechanismen der Machtausübung, von vernetzten städtischen Lichtleitsystemen bis Social Media. Das Potential tief verankerter Bräuche thematisiert das Video von Ana Vaz, in dem sie einen nächtlich in Feierlaune vorgetragenen Protestsong mit einem indigenen Fruchtbarkeitsritual verknüpft. Die Basis der nächtlichen Stadtentwicklung, die Elektriziät und ihre Geschichte, thematisiert Marjolijn Dijkman nicht nur anhand von drei Fotografien aus der Serie Earthing Discharge, sondern auch live im Rahmen einer Performance am Abend des 9. Dezember. Vielleicht ist das eine gute Möglichkeit, um über die Rückforderung der Nacht als gesellschaftlichem Begegnungsraum nachzudenken.

Mehr Texte von Werner Remm

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Botanizing the Asphalt
06.11. - 13.12.2025

KEX Kunsthalle Exnergasse
1090 Wien, Währinger Straße 59, 2. Stiege, erster Stock
Tel: +43 (0)1 401 21-41 oder +43 (0)1 401 21-42, Fax: +43 (0)1 401 21-67
Email: kunsthalle.exnergasse@wuk.at
https://www.wuk.at/kunsthalle-exnergasse/
Öffnungszeiten: Dienstag - Freitag 13:00 - 18:00,
Samstag 11:00 - 14:00 Uhr


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