Anna Hulačová - Bucolica: Harte Schale – weicher Kern
Die wuchtige ehemalige Montagehalle, die sich vor Jahren zum Kunstraum Dornbirn gewandelt hat, bietet in ihrem reizvoll morbiden Charme den idealen Rahmen für großformatige Installationen wie die der tschechischen Künstlerin Anna Hulačová. Arbeiten, die in ihrer Ambivalenz verblüffend zwischen Kunst und Natur, Mensch und Maschine, Hartem und Weichem, Mythologie, Utopie und Dystopie switchen. Inszeniert als teilweise mit viel Ironie hyperästhetisch zelebrierte Gegenentwürfe zur Realität, die allerdings sehr viel mit der gegenwärtigen zu tun haben.
Die Landwirtschaft bzw. das global immer mehr in Unordnung kommende ökologische Gleichgewicht ist das große Thema der 41-jährigen Anna Hulačová, einer mehr und mehr international gefragten Absolventin der Prager Akademie der Bildenden Künste. „Bucolica“ ist der Titel ihrer Schau, anspielend auf jenes Genre in der antiken Dichtung, in der das einfache Leben der Hirten in einer unberührten Natur zum Synonym für ein glückliches Leben wird. Und so lässt die Künstlerin auch im Kunstraum Dornbirn eifrig gärtnern, säen, ernten und rasten, mehr oder weniger androgyne Figuren eigenartige Geräte bedienen oder ein Kalb auf dem Rücken schleppen.
Ein gewisses Pathos geht von diesen dekorativ wellig rhythmisierten tonnenschweren skulpturalen Erfindungen aus, die für eine aus dem ehemaligen Osten stammende Künstlerin formal sicher nicht zufällig gewisse Anklänge an die gründlich aus der Mode gekommene Sehweise des sozialistischen Realismus offenbaren. Die heile Welt, die hier suggeriert wird, ist allerdings eine hintergründig brüchige. Denn nichts ist so eindeutig, wie es auf einen ersten Blick erscheinen mag. Die wuchtig hingelagerten Skulpturen scheinen zwar, weil massiv aus Beton gebaut, für die Ewigkeit gemacht zu sein, wäre nicht da und dort ihr höchst fragiles Innenleben freigelegt. In Gebirgen geschichteter Bündel von Getreide etwa in der Form von liebevoll detailreich in volkskünstlerischer Manier aus Holz geschnitzter Blumenranken.
Auch die Männer und Frauen, die in Anna Hulačovás Settings eifrig zugange sind, sind aus Beton gemacht. Die Kleider genauso wie die Frisuren und Kopfbedeckungen dieser wie ferngesteuert daherkommenden, in ihren Bewegungen eigenartig eingefrorenen Figuren sind überindividuell stilisiert. Ihre Gliedmaßen laufen spitz zu, ihre skurril dekonstruierten Gesichter sind teilweise aus glänzend rostrot bzw. grau lasierter Keramik hergestellt oder flächig zu geometrisch zeichenhaften Reliefs abstrahiert. Die Brüste und Bäuche dieser sehr speziellen Landarbeiter:innen sind meist aufgebrochen, den Blick freigebend auf Eingeweide, die reale Bienenwaben sind. Eine von diesen scheint auch aus dem hyperrealistisch geformten abgeschlagenen Kopf eines Stiers zu wachsen. Verweisend auf den antiken Mythos, laut dem die Bienenvölker aus Tierkadavern auferstehen. Um auf diese Weise das Reich der Toten mit der Welt der Lebenden zu verbinden, sozusagen den Kreislauf der Natur zu schließen, der das Überleben sämtlicher Erdbewohner sichert. Die Geräte, die Anna Hulačovás Figuren bedienen, sind teilweise archaisch, schlicht und aus Holz geschnitzt. Die in Beton gegossenen Traktoren sind zur Metapher für das Leben von heute und einem ungewissen Morgen stilisiert. Wobei die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Aggregatszuständen fließend sind, amalgamiert zu einer hyperästhetisch zelebrierten hybriden Masse.
In das Zentrum der Schau hat die Künstlerin ein aus glänzendem Alu gebautes architektonisches Ensemble inklusive See gestellt. Bestehend aus einem langgestrecktem Gebäude samt Trichtersilos und einem fünf Meter hohen Turm. Sich beziehend auf einen 1933 von Le Corbusier verfassten Aufsatz, in dem dieser eine Formverwandtschaft zwischen den Tempeln der Antike und den schmucklosen landwirtschaftlichen Architekturen seiner Zeit ortet. Um deren Spiritualität als Leitbilder der inzwischen nicht mehr ganz so modernen klassischen Moderne zu feiern.
14.11.2025 - 01.03.2026
Kunstraum Dornbirn
6850 Dornbirn, Jahngasse 9
Tel: +43 5572 55 0 44
Email: office@kunstraumdornbirn.at
https://www.kunstraumdornbirn.at
Öffnungszeiten: Di - So 10 - 18 h
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