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Jojo Gronostay - The Elephants: Der Elefant im Raum

Neue Galerie Graz, studio. Die kleinformatigen Bilder an den Seitenwänden haben vorerst keine Chance auf Beachtung gegen den Sog zu den eigenwillig ästhetisierten Szenen der Filmprojektion, die die gesamte Rückwand des langgezogenen Raumes bespielt: Die Silhouette afrikanischer Jungen – Meister der Zunft „Stelzenläufer“ – staksen gemächlich, Schritt für Schritt in einer Reihe, vorbei an einer einsamen Palme und dem Betongerippe eines Gebäudekomplexes... in der Straße eines afrikanischen Ortes... an der Küste mit Meeresbrandung... alles in verhaltenem, vermeintlichem Schwarz-Weiß, aber eigentlich wie in ständigem Nebel, ihre Körper hoch oben akrobatisch balancierend über den wehenden meterlangen Hosenbeinen. Weit und breit kein Elefant. Mit welcher Ikonografie konfrontiert uns Jojo Gronostay hier, was müssen/sollten wir wissen, um uns nicht nur fasziniert in dieser Liminal-Space-Anmutung zu verlieren?

Jojo Gronostay (*1988, Hamburg) studierte zuletzt an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Martin Guttmann Fotografie und an der École des Beaux-Art in Paris. Aus der Kunstgeschichte ist ihm Salvadore Dali’s Bild The Elephants (1948) bekannt, in welchem surreal die beiden voluminösen Rüsseltiere auf insektenhaft dünnen, überlangen Beinen über den Boden gehievt werden. Dazu mischen sich aus Gronostays ghanaischen Wurzeln Kenntnisse über die Tradition der Stelzenläufer als Teil schamanischer Praxis in Westafrika, wobei dieses Der-Erde-Enthoben-Sein als Symbol für das Vermitteln zwischen irdischen Dimensionen und Wirkkräften gelesen werden kann. In jedem Fall handelt es sich um einen Über-Realität, einen Manierismus, eine Exaltiertheit im direkten Wortsinn. Allein derartige Attribute liefern bei cleverer Inszenierung spannende Bildmotive. Um aber den eigentlichen „Elefanten im Raum“ zu entlarven, findet sich im Film das Close-Up eines Protagonisten im orangefarbenen T-Shirt mit dem Aufdruck "DWMC" - Gronostays Kunst-Mode-Label.

Und darum geht es eigentlich. Die Geschichte lehrt uns, dass nach der Erreichung der Unabhängigkeit Ghanas (1957 von Großbritannien) in den 1960/70er Jahren westliche Mode im Trend lag und insofern 2nd-Hand-Kleidung aus dem Norden eine willkommende Möglichkeit bot, sich kostengünstig und durchaus mit guter Qualität versorgen zu können. Der Deal war perfekt – was die einen loswerden wollten und „spendeten“ (um Platz für die neuesten Modelle zu haben) wurde von anderen gern abgenommen, d. h. gekauft. Erfreut über die wenig getragenen Stücke konnten sich die Händler in Ghana nur vorstellen, dass es Kleidung von Vertorbenen sein kann: “Obroni Wawu”, übersetzt: „Dead White Man’s Clothes“. Eine andere Art von surreal. DWMC - dieses Kürzels verwendet Jojo Gronostay seit ca. 2017. Mit ausgesuchten und adaptierten Stücken des jetzigen Textilhandels in Ghana erregte er einiges Aufsehen auf Modeschauen, bekam 2021 den Modepreis der Stadt Wien, wurde nominiert für Stipendien, gestaltet/e Ausstellungen (⤇ hier die artmagazine Kritik einer Ausstellung 2022 in Wien).

Nachdem die grundsätzliche Botschaft – der Elefant - decodiert ist, ist es unschwer, auch die Beinkleider der Stelzenmänner zu identifizieren, nämlich als künstlerische Aufwertung von Textilien, die in der nördlichen Hemisphäre entsorgt, in Accra erstanden und DWMC-gemäß zurechtgenäht wurden und schließlich filmisch wieder zurückgebeamt werden! Und auch der langsame Zug der Stelzengänger zu Beginn des Films kann als Interpretation einer Elefantenkarawane gelesen werden.

Einzeln oder in kleinen Gruppen – maximal vier – sind zehn gerahmte s/w Fotografien sparsam auf die langen Seitenwände verteilt. Schwer zu erfassen, was das Dargestellte „ist“ – vermutlich Textiles, verschlammt, geknautscht, einzelne erkennbare Aufschriftdetails – chinesisch? Japanisch? – Eine irritierend widersprüchliche Ästhetik zum Film. Direkte Abbildung oder Abstraktion, wovon? - Wieder so ein Elefant im Raum?!

Die Geschichte – vor allem die relativ nahe Vergangenheit – lehrt uns, dass sich der Handel mit Alttextilien unvorstellbar bis ins Absurde verändert hat. Der bedeutendste Umschlagplatz in Westafrika (wenn nicht der Welt) entwickelte sich seit den 1990er Jahren im Handelszentrum von Accra in Ghana. Es ist der Kantamanto-Markt mit einer Fläche von etwa 18 Hektar und geschätzten 30.000 Beschäftigten. Etwa 25 Millionen (!) Einzelstücke passieren jeden Monat (!) diesen Markt. Allerdings die 100 % prima Qualität der 1970er Jahre hat sich reduziert auf ca. 20 % der angelieferten Ballen. 46 % sind zerschlissen, verschmutzt, nahezu unbrauchbar, 6 % purer Abfall, nicht einmal Textil. Das meiste davon wird endgültig weggeschafft auf Mülldeponien bzw. wird verbrannt.*) Bilder davon sieht man auf Seiten von ⤇ NGOs. Solche Bilder liefert Gronostay nicht.

Vielmehr hält Jojo Gronostay in der Foto-Serie „Landscapes“ Ausschnitte verschiedener Textilwege fest, aufgenommen im Gehen auf Strecken, die nach Unwettern mit Wegwerf-Kleidungsstücken belegt werden, damit die schwammig aufgeweichte Erde und Pfützen leichter passierbar sind. - Werden in dieser Schau einerseits die Textilien in luftig-flattrige Höhen erhoben, so werden sie vom Künstler anderseits auch als zutiefst dem Erdboden gleichgemacht dargestellt – künstlerisches Textil-Up-Cycling und Down-Cycling.

*) Zu den Missständen zählt auch, dass es kaum Sicherheits-Infrastruktur gibt und es wiederholt zu Bränden direkt auf dem Markt kommt. Zuletzt im Jänner 2025 mit 8.000 betroffenen Händler.innen und Recyclern. Problembewusstsein bringt allmählich Verbesserungen.

Mehr Texte von Aurelia Jurtschitsch

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Jojo Gronostay - The Elephants
04.10.2025 - 01.03.2026

Neue Galerie Graz
8010 Graz, Joanneumsviertel
Tel: +43 316 8017-9100
Email: joanneumsviertel@museum-joanneum.at
http://www.neuegalerie.at
Öffnungszeiten: Di-So 10-17 h


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