Die Somnambuhlschaft
“Verborgene Moderne: Faszination des Okkulten um 1900” im Leopoldmuseum
Heutzutage geht es so oft wie nie um Deutungshoheiten, um hegemoniale Ansprüche. In der Moderne, so meint man, sind die zumindest emanzipatorisch. Doch jede gesellschaftliche Strömung oszilliert auch immer in das Gegenteil. So finden wir uns auch um 1900 wieder in einer völlig verstiegenen, esoterischen Interpretation der Welt, die das Leopoldmuseum in seiner aktuellen Ausstellung “Verborgene Moderne”, kuratiert von Ivan Ristić und Matthias Dusini, zeigt. Man meint, sich in einem 60er Jahre LSD Trip zu befinden. Take the acid, drink the Kool-Aid - die Kunstschaffenden zeigen uns den Weg zur Erleuchtung! Jede Person, sofern halbwegs charismatisch und (im Falle der Ausstellung, nicht der Geschichte) künstlerisch talentiert, kann anderen ein Weltblöd um ihr eigenes Weltbild stricken. Ist das Kultur oder Kult, Inspiration oder Ideologie?
Zum Beispiel Karl Wilhelm Diefenbach, Fidus und Gustav Gräser inszenieren sich selbst nicht nur als Künstler, sondern als Genius und Guru: Jedem Bild setzen sie auch ihre Interpretation der Welt voraus. Statt eines Handwerks ist Malerei ein Kanal, prophetische Visionen zu empfangen, zu übersetzen und weiterzugeben. Man könnte sagen, jedes Kunstwerk tut das auf eine bestimmte Art und Weise. Schwierig wird es allerdings, wenn es nur an einer Person ist, zu behaupten, wie “schön” eine Aura ist, wie wertvoll, wer einen guten Draht zum Universum hat, wer in das Weltbild passt, wer nicht. Kurz: Es wird schwierig, wenn eine Person oder Denkweise die Deutungshoheit hat.
Das Leopoldmuseum findet unbeabsichtigt einen sehr guten Zeitpunkt für diese Ausstellung. Esoterik gab und gibt es immer, politische Strömungen mal ganz außen vor. Gerade aber während unsicheren Zeiten versammeln sich heutzutage viele Menschen unter den Fittichen und Alu-Hüten von selbsternannten Prophet:innen mit dem Versprechen einer besseren Welt. Kult hat Konjunktur. Die Ausstellung ist mitunter kulinarisch, allerdings bleibt eine Wahrheit schmerzlich präsent: Zu häufig sind es arische statt arkadische Fantasien, in denen man mit solchem Gedankengut landet.
Der heutigen Tristesse entfliehen und sich in Mythen verlieren kann man aber mit Sicherheit. In verborgener Moderne, in verklärter Kunst.
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