Saâdane Afif. Five Preludes: Auf Leben und Tod
Die kleinste Arbeit der Ausstellung „Five Preludes“ gibt der Präsentation präzise ihr Thema vor: Die „Anthologie de l’Humour noir“ zeigt einen „lebensgroßen“ Sarg. Genauer: einen figürlichen Sarg in ghanaischer Tradition, den der Kunsthandwerker Kudjoe Affutu im Auftrag Saâdane Afifs gebaut hat. Und die Figur hier hat es in sich, handelt es sich doch um das Pariser Centre Pompidou, eines der populärsten Kulturzentren für zeitgenössische Kunst in Europa. Die Frage, die Afif hier stellt, liegt auf der Hand: Wird Kunst zur Leiche, wenn sie ins Museum wandert?
Die Werkreihe „The Old“, 2025, die extra für die Ausstellung entstanden ist, gibt eine bejahende Antwort auf diese Frage. Afif hat nämlich Jeff Koons Arbeitsgruppe „The New“, 1979 – 1987, mit, wenn man so will, alltäglich-banalen Vanitas-Motiven kommentiert: Statt fabrikneuer und unbenutzter Staubsauger, wie bei Koons, stehen da alte und sichtlich abgenutzte Staubsauger auf Podesten in musealen Glasvitrinen. Aus ihrem ursprünglichen Funktionszusammenhang herausgerissen - einem wiederkehrenden Merkmal eurozentristischer Kunst - sind diese Readymades jetzt dem Verfall preisgegeben.
Doch Afif findet durchaus positive Antworten, etwa indem er Kunst als lebendigen Prozess versteht, wie zum Beispiel in seinem Langzeit-Projekt „The Fountain Archive“, 2008 – 2022, für das Afif nach Abbildungen des berühmten Readymade „Fountain“, 1917, von Marcel Duchamp gesucht hat. Gefunden hat der Künstler solche in über 1000 Magazinen und Büchern. Anschließend hat er die jeweilige Seite herausgerissen und gerahmt. Das Anknüpfen an künstlerische Tradition steht so hier wiederum für eine Kunstpraxis, die weniger auf individuelle Autorenschaft als auf gelebte und praktizierte Dialoge setzt.
Letzteres gilt auch für die zweite, speziell für die Ausstellung „Five Preludes“ konzipierte Arbeit mit dem programmatischen Titel „Live“, die in einem zweiten Teil der Ausstellung, inmitten von Arbeiten anderer Künstler, die gerade im Hamburger Bahnhof ausstellen, zu sehen ist. Afif hat dort eine Wand installiert, auf der Plakate geklebt sind, die ,quasi als „Prelude“, Berliner Kulturveranstaltungen ankündigen, also vom regen künstlerischen Leben der Spreemetropole berichten. Jede Woche werden neue Plakate auf diese Wand geklebt, den temporären Charakter dieser Kulturevents betonend. Auch mit dieser Strategie knüpft Afif gleichsam revitalisierend an einen seiner Vorgänger an, nämlich an Gustav Metzger, der bereits 1961 in seiner Londoner Galerie die Seiten einer Tageszeitung auf die Wand geklebt hat, um diese an den folgenden Tag mit der dann jeweils aktuellen Ausgabe der Zeitung zu überkleben.
Kurz und gut: Eine kluge und bedenkenswerte Ausstellung hat die Kuratorin Gabriele Knapstein mit den „Five Preludes“ zusammengestellt, auch wenn die Präsentation ein wenig „frecher“ hätte ausfallen können.
Mehr Texte von Raimar Stange 12.12.2025 - 13.09.2026
Hamburger Bahnhof - Nationalgalerie der Gegenwart
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