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Holobiont. Life Is Other.: Homo faber

Das Angewandte Interdisciplinary Lab hat sich in den Räumlichkeiten der alten Wagner’schen Postsparkasse eingenistet und eine Ausstellung gemacht. Zwei Räume sind mit Buchkopien und Grafiken tapeziert, Flachbildschirme blitzen an Wänden und Stellwänden, Videos laufen stumm dahin. Dazwischen räkeln sich Schläuche wie Nervensysteme, trocknen Petrischalen aus und leuchten Monitore, Aufnahmemikrofone und Flüssigkeiten. Wieder eine Ausstellung zum bröckelnden Verhältnis vom Körper und Ich. Oft wird das Ausfransen dieser Beziehung in den Kontext der digitalen Erweiterungen gestellt, hier aber bleibt man im real life.

„Holobiont“ ist der programmatische Titel, auch das ist kein gerade neuer Ausdruck. Er geht auf die Biologin Lynn Margulis zurück, die Anfang der 90er-Jahre damit ein Körperbild prägte, das ihn als Summe und Wirt zahlloser Mikroorganismen versteht und dessen leitendes Prinzip nicht die Abgrenzung vom „Außen“, sondern die Symbiose ist und eine Trennung von Innen und Außen, „Ich“ und dem „Anderen“ gar nicht zulässt. „Ich“ ist „Wir“ und „Wir“ sind transitorisch.

Dem Kurator:innenteam bestehend aus Judith Reichart, Lucie Strecker, Thomas Feuerstein und Jens Hauser ist es gelungen eine große Bandbreite an künstlerischen Positionen sinnvoll zusammenzubringen. Das Element des Körperlichen bleibt durchwegs erhalten und dient so als Bindeglied. Die Ansätze sind gleichwohl unterschiedlichster Natur.

Nicht nur die Aufopferungsbereitschaft, die manche Künstler:in beweist, bringt einen mitunter zum Schmunzeln. Es sind auch einfach witzige Ideen dabei: Paul Vanouse lässt in „Labour“ (2019) Bakterien menschlichen Schweißgeruch produzieren. Lucie Strecker lässt in der Schießbude „Brain’s Shit for Shit Brains“ (2020) auf porzellan-weiße Arschlöcher schießen, zu gewinnen sind Mikroben aus Stuhlproben – Eine Untersuchung zum Verhältnis von Darm, Geist und soziopolitischer Positionierung. Adam Brown lässt dagegen in „The Great Work of the Metal Lover” (2012) Bakterien in toxischer Umgebung Gold produzieren.

Auf Schätze kultureller Art beziehen sich Klaus Spiess, Ulla Rauter und Emanuel Gollob. Sie haben den Verlust der Sprachvielfalt als Anstoß für die Installation „Ecolaia“ (2022) genommen (neun von zehn Sprachen bis zum Jahr 2100!). Das Artensterben hat eine schrumpfende mikrobiotische Diversität im Mundraum zur Folge. Zum Glück aber weiß ein Computer, mit welchen Phonemen man gegenwirken kann. Eine Poesie des Lebens, nicht nur lebendig, sondern Leben schaffend. Man bittet um Mithilfe der Besucher:innen durch Einsprechen bestimmter Wörter wie „extinction“. Ob sich das wirklich auf das Wachstum vertrockneter Mikorben auswirken kann? Es liegt Schmäh in der Luft. Auch „Close Reading“ (2021) nutzt die Kraft der Sprache: ausgestoßene Atemluft voller Mikroben wird hier eingefangen und in einem geschlossenen System einem Eigenleben überlassen. Microperformativity, also Prozesse auf mikro- und makroskopischer Ebene, ist überhaupt in vielen Arbeiten präsent. Der Begriff des Unfassbaren entfaltet über die Arbeiten hinweg seine doppelte Bedeutung.

Das war bisher clever, faszinierend, vielleicht niedlich. Noch fehlt der moralischer Sprengstoff, der dem Thema inneliegt. Das bioethische Problem wird schließlich von zwei Künstlerinnen aufgemacht. Für das Projekt „Art Orienté Objet“ (2011) hat sich Marion Laval-Jeantet durch die Einnahme von Pferde-Immun-Globulinen der Aufnahme von Pferdeblutplasma fähig gemacht. Als Bestandteil medizinischer Forschung zur Heilung von Autoimmunkrankheiten geht das Experiment buchstäblich unter die Haut.

Maja Smrekar bedient sich eines solchen Deckmantels des guten Zwecks dagegen nicht, und entsprechend wird sie von Angriffen auf ihre Arbeit nicht verschont. Was sie sich zunutze macht: Ihr Modell einer hybriden Familiengemeinschaft zwischen Mensch (Smrekar) und Hund (Border Collie), und vor allem die Prämierung dieser Arbeit bei der Ars Electronica 2017 zog Empörung nach sich. Es war vor allem das Aufziehen eines Hundes mit der eigenen Muttermilch, das als anstößig empfunden wurde. Präsent ist „K-9_topology: HYBRID FAMILY (2016) nur indirekt: Ein Foto reicht als Anhaltspunkt, dazu ein Zettel, der ausgelegt ist – Die Anklageschrift, in welcher Künstlerin und Jury der ethischen Verfehlungen bezichtigt werden. Man kann in einer Audioaufnahme Smrekar selbst beim Vorlesen des Textes zuhören. Das Rezitieren der Kritik zeigt genauso wie das offensichtliche Zitat der Arbeit Joseph Beuys‘, dass Smrekar sich im Kunstkosmos zu positionieren versteht, mit krassen Positionen und darstellerischem Geschick. Ganz konkret nochmal im Video „K-9_topology: Through the lens of a long-term care of an artwork“(2022). Die mittlerweile klassischen Fragen nach Archivierung und Reproduktion wendet die Künstlerin hier auf organische Kunstwerke an, und man kann nur staunen angesichts der Eloquenz und Spritzigkeit, mit der die ganze Bandbreite des Katalogs an zeitgenössischen Kunstpraxen hier bespielt wird.

Im blubbernden Pool an zurzeit sprießenden Kunstausstellungen zu aufbrechenden und erweiterten Körperkonzepten ist der Ansatz, die Veränderungen an ihre körperlich-stofflichen Grundlagen zurückzubinden nur begrüßenswert. Dem hic et nunc wird somit Recht getan und gleichzeitig die Nüchternheit genommen. Zuletzt sei Peter Weibel aufgegriffen, der in „Holon – eine kleine Philosophie der Biophilie“ (2021) einen Weg aufzeigt, wie Integrität und Identität mit dem kriselnden Körperbild zu versöhnen sind: nämlich als „Holon“, Teil eines Ganzen und ganzes Teil.

Holobiont. Life Is Other.
05.10.2022 - 20.01.2023

Angewandte Interdisciplinary Lab
1010 Wien, Georg-Coch-Platz 2
https://www.dieangewandte.at/
Öffnungszeiten: Mo-Fr 13-18, Do 13-20 h


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