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Gedankenlose Ignoranz

Man könnte auch sagen, dumm gelaufen. Nach vielen Monaten der Diskussion und eher abstrakten Anschuldigungen, das Künstlerkollektiv Ruangrupa würde antisemitischen Tendenzen auf der Documenta eine Stimme geben, dann am Eröffnungs-Wochenende der Supergau: Auf dem großen Platz vor dem Fridericianum in Kassel wurde am vergangenen Freitag die Installation der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi fertiggestellt und schon nach Kurzem tauchten erste Fotos von zwei Motiven auf einem riesigen Transparent auf, die alle vor der Eröffnung geäußerten Bedenken zu bestätigen scheinen: Ein Soldat mit Schweinsgesicht,dem Schriftzug „MOSSAD“ auf dem Helm und Davidstern auf dem Halstuch sowie eine Figur mit Vampirzähnen, Hakennase, dem Zeichen der SS auf dem Hut und lagen Schläfenlocken.

Das Künstlerkollektiv Taring Padi gründete sich 1998 im Zuge der Unruhen nach dem Fall des indonesischen Diktators Suharto und hat seitdem eine eigenständige artivistische Strategie und Agit-Prop-Ästhetik entwickelt, mit der sie vor allem die politische Realität in Indonesien kritisieren. Das Land mit 265 Millionen Einwohner:innen auf tausenden Inseln leidet nach wie vor unter den Folgen der autoritären Politik Suhartos, auch wenn in den vergangenen Jahren Schritte hin zur Entwicklung einer demokratischen Republik gesetzt wurden. Die politische Realität kennt nach wie vor von Gewalt, Terror und Einschüchterung und so weisen auch die Aktionen Taring Padis durchaus militante Züge auf, transportieren aber ebenso die Auffassung der Gruppe, dass Kunst ein Katalysator sozialen Wandels sein kann. Die für ihre Projekte entstandenen Werke von Taring Padi wurden in Asien und Australien in Ausstellungen gezeigt, darunter auch Die Banner-Installation People’s Justice aus dem Jahr 2002, die nun die Proteste in Kassel auslöste.

Taring Padi, die übrigens im Hallenbad Ost eine von vielen Besucher:innen und Journalist:innen positiv bewertete, weitere Installation ihrer Arbeiten zeigen, entschuldigte sich in einer Stellungnahme für die entstandenen Verletzungen, wies jedoch gleichzeitig darauf hin, dass die kritisierten Bilder ausschließlich und kulturspezifisch auf ihre eigenen Erfahrungen bezogen seien. „Wir sind traurig darüber, dass Details dieses Banners anders verstanden werden als ihr ursprünglicher Zweck“, so die Gruppe auf der Homepage der Documenta.

Nun ist es gerade das Verdienst von Ruangrupa, den globalen Süden in den Fokus zu nehmen und insbesondere partizipative künstlerische Positionen in Kassel zu präsentieren. Doch während im westlichen Kunstdiskurs Dekolonialismus und Achtsamkeit die bestimmenden Elemente geworden sind, befinden sich Künstler:innen und Kollektive in weiten Teilen der Welt in einer laufenden Auseinandersetzung mit politischen Realitäten, in denen von allen Seiten wenig zimperlich gehandelt wird. Die beiden Sujets auf der Banner-Installation von Taring Padi sind ein Element dieser Konflikte, und sie bedienen selbstverständlich antisemitische Ressentiments, auch wenn sie als Protest gegen die Politik des Staates Israel gemeint sein mögen. Gerade von künstlerischen Kollektiven ist zu fordern, dass sie sich der historischen Zusammenhänge bewusst sind. Die eher laue Entschuldigung von Taring Padi wird da nicht reichen.

Deswegen der gesamten Documenta, den mehr als 1500 Künstler:innen und den Kurator:innen Ruangrupa pauschal Antisemitismus vorzuwerfen ist ebenso falsch, wie es richtig war, das Banner vor dem Fridericianum nun zu verhängen. Was jetzt allerdings folgen muss, ist ein von den Documenta-Kurator:innen initiierter Dialog, in dem auch die Artivist:innen lernen müssen, dass Sensibilität und Geschichtsbewusstsein nicht nur eine Tugend des westlichen Kunst- und Politikdiskurses sein können, sondern die Basis gegenseitiger Anerkennung bilden.

https://documenta-fifteen.de/

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