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Documenta 15 – zum Abschuss freigegeben?

Die Hetzjagd auf die Documenta 15 geht in den Endspurt. Erst hat das altbildungsbürgerliche Feuilleton mit seinen völlig überzogenen Antisemitismusvorwürfen die Stimmung so vergiftet, dass das Kuratorenkollektiv Ruangrupa sich gezwungen sah, eine extra geplante Diskussionsreihe zu den Vorwürfen abzusagen, jetzt wird der Ton noch einmal verschärft und die Schlagzahl der Angriffe nimmt zu. Dabei steht der offene Brief, mit dem Ruangrupa die Absage theoretisch und faktisch fundiert, überaus diskussionswürdig begründet hat, im Zentrum der verbalen und gedanklichen Entgleisungen, die unbeirrt an dem Antisemitismusvorwurf festhalten. Und dieses immer noch ohne ernstzunehmende Belege hierfür vorzulegen. Selbst ein Projekt der documenta, das nicht mehr tut, als über alternative Finanzierungsmodelle für palästinensische Kultureinrichtungen nachzudenken,    gilt da schon, so „Der Tagesspiegel“, als antisemitisch …

Dass dem offenen Ruangrupa-Brief absurderweise in diversen Texten vorgeworfen wird, er wäre als anonymes Schreiben veröffentlicht worden, ganz so als wären die Mitglieder*Innen der Gruppe nicht alle namentlich bekannt, ist da noch eher harmloser Natur, bezeugt aber das intellektuelle Niveau dieser Hetzkampagne. Beschämend vor allem ist, dass kaum einer dieser Artikel sich die Mühe macht, den Brief inhaltlich zu bedenken. Stattdessen wirft ihm zum Beispiel die „FAZ“ süffisant vor, „überlang“ (mühsam eben) zu sein, zudem sei er in einem „Duktus der Bürokratie“ geschrieben – Stilfragen also werden geschmäcklerisch aufgeworfen statt eben den Diskurs zu führen, dessen Verweigerung die Süddeutsche Zeitung dann dem „überlangen“ Ruangrupa-Kollektiv vorwirft. Deren Mitglieder, so begründet daraufhin die „FAZ“ diese angebliche Verweigerung, seien nichts als “wehleidig“ – Küchenpsychologischer geht es kaum, „BILD“-Zeitung-Stil.

Immerhin aber sei das Ruangrupa-Kollektiv so mutig, wie nun die „WELT“ dümmlich rausposaunt, dass es versucht in „schockierender“ Weise „den BDS salonfähig zu machen“. Politische Diversität diffamiert auch die „Jüdische Allgemeine“, die plakativ feststellt: „BDS ist keine Kunst“. Wer nur hat das je behauptet … Die Frage aber, ob die radikale Kritik des BDS an der real-existierenden Politik des Staates Israel zwangsläufig antisemitisch ist, kommt diesen aufgeregten Schreiber:innen nicht in den Sinn. Statt also zu differenzieren, wird jedwede Berechtigung für eine Kritik an dem Staat Israel kategorisch ausgeschlossen. Übrigens: Es gibt es auch jüdische Aktivist:innen und Bürger:innen in Israel, die solch Kritik mehr oder weniger vehement äußern. Alles Antisemiten …

Gleichzeitig bringt die „WELT“ einen Artikel, in dem den „Gründungsvätern“ der Documenta ihre nationalsozialistische Geschichte vorgeworfen wird – zu Recht, aber warum erscheint dieser Artikel ausgerechnet jetzt? Zufall? Das Thema ist bereits letztes Jahr im Kontext der wichtigen Ausstellung „Documenta. Politik und Kunst“ umfassend diskutiert worden, heuer aber lautet der Subtext eben auch: Die Documenta war schon immer antisemitisch. Solch Blödsinn untermauert die „WELT“ dann prompt aktualisierend: „Israelis unerwünscht“ – und dieses gelte für die Kunstszene überhaupt. Aber hat nicht zum Beispiel die Documenta 12-Teilnehmerin Yael Bartana jüngst das wichtigste deutsche Stipendium der „Villa Massimo“ bekommen?! Und wird die israelische Künstlerin, die in ihren zahlreichen Ausstellungen immer wieder explizit jüdische Geschichte thematisiert, derzeit nicht prominent von einer New Yorker, Berliner, Mailänder und Melbourner Galerie vertreten?! Sie ist, wie viele andere ihrer jüdischen Kolleg:innen, daher alles andere als „unerwünscht“ im Betriebssystem Kunst!

Was aber leistet all dieser nicht enden wollende Unsinn? Zumindest zweierlei: Nach dem Prinzip „etwas hängen bleibt auf jeden Fall“ wird die Documenta mit dieser Hetzkampagne skandalisiert, bevor sie überhaupt eröffnet ist und sich mit der Qualität ihrer Ausstellung wehren kann. Zweitens wird dank der „Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs“, wie die „Berliner Zeitung“ es treffend beschreibt, die Diskussion des kuratorischen Konzepts von Ruangrupa, also das des „Lumbung“, das auf die Bedeutung von Kollektiviät, Nachhaltigkeit und Partizipation für kulturelle Praktiken setzt, konsequent ausgespart. Wichtig aber wäre gerade jetzt, wie „republica“ es in diesem Zusammenhang engagiert feststellt, dem Betrieb solche „alternativen künstlerischen und sozialen Praktiken entgegenzuhalten, die sich ... für Menschen einsetzen, die an den Rändern ihrer Gesellschaften leben.“ Genau dieser Entgegenhaltung aber möchte sich das besagte altbildungsbürgerlichen Feuilleton nicht aussetzen. Vor allem für diesen emanzipatorischen Diskurs aber tritt Ruangrupa in Kassel an.

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