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Ai Weiwei - In Search of Humanity: Die Würde des Menschen ist unantastbar

Er ist wohl Chinas bekanntester, unbequemster und unfreiwilligster Kulturexport. Diese Behauptung trifft sowohl auf die kommunistische Partei Chinas, als auch auf den Künstler selbst zu, der seit 2015 im europäischen Exil lebt.
Die Rede ist von dem Universalkünstler Ai Weiwei, dem die Albertina Modern eine große Personale widmet.

In der umfassenden Retrospektive lässt sich der chinesische Künstler mit sehr unterschiedlichen Werken kennenlernen. Dabei wird ein facettenreiches Werk sichtbar, das so in Österreich noch nie gezeigt wurde. Die Albertina Modern bringt große Installationen und Kunstwerke verschiedenster Gattungen wie Legobilder, Fotografien und eine Auseinandersetzung mit historischen chinesischen Möbeln oder chinesischer antiker Keramik.

Ai Weiweis Kunst erschließt sich am besten über die Biografie des Künstlers. Seine subjektiven Erfahrungen mit Exil und Staatsgewalt fließen geringfügig übersetzt in seine Werke ein.

Weiwei wurde 1957 in eine intellektuelle chinesische Familie geboren. Sein Vater war der Dichter Ai Quing, der während der Kulturrevolution Verbannung und erniedrigende Arbeit ertragen musste. Ai Weiwei erlebte die Demütigung hautnah, da er als kleiner Bub mit seiner Mutter in der Verbannung seines Vaters lebte.

Als junger Mann schreibt sich Ai Weiwei in die Pekinger Filmakademie ein und beginnt Animation zu studieren. 1981 geht er nach New York und lernt dort die protestierenden freizügigen amerikanischen jungen Erwachsenen kennen, die seinen Zugang zur Kunst maßgeblich prägen. 1993 kehrt er zurück um seinem kranken Vater nahe zu sein. Die prägende amerikanische Erfahrung trifft auf eine niedergewalzte Freiheitsbewegung in China. Das Massaker an den Studenten am Tian´anmen Platz ist gerade erst vier Jahre her. Es entstehen die „Studies of Perspective“ – Fotografien, in denen Ai Weiwei seinen Arm mit ausgestrecktem Mittelfinger gegen symbolträchtige Gebäude richtet. (Eiffelturm, Weißes Haus, Hong Kong, Long Island City... 1995-2011)

In dieser Zeit, der Rückkehr nach Peking, beginnt Ai Weiwei Märkte und Flohmärkte zu besuchen und findet dort Statuettenreste von Buddhafüßen, die 1500 Jahre alt sind. Diesen gibt er mit einem Sockel eine Bühne. Sie stehen für die langjährige kulturelle chinesische Tradition. In der Ausstellung in Wien sind auch alte chinesische Tische so zusammengebaut, dass sie ein Kreuz ergeben und jedenfalls ein Zu-Tisch-bitten nicht möglich ist. Hocker, wie in jedem chinesischen Haushalt zu finden, können auf Grund ihrer Zusammenfügung nicht waagrecht stehen. Ai Weiwei interessieren die alten Formen und Materialien sowie die alten Techniken - die Hölzer halten ohne Nägel zusammen – und er bewahrt Sie vor dem kapitalistisch-kommunistischen Vergessen.

Neben diesen kleineren Arbeiten sei hier auf zwei große Arbeiten verwiesen.

Am 3. April 2011 wurde Ai Weiwei von der chinesischen Geheimpolizei am Flughafen von Peking verhaftet und an einen geheimen Ort verschleppt. Der Künstler wurde in eine kleine Zelle gesperrt und 81 Tage festgehalten. Ai Weiwei hat dieses traumatisierende Erlebnis so verarbeitet, in dem er die Zelle eins zu eins nachbaute: mit Dusche und Toilette. In Interviews beschrieb er, dass er kein Buch, keine CD zur Ablenkung hatte und sich daher jeden Quadratzentimeter der Zelle genauestens einprägte. Die nachgebaute Zelle ist in der Albertina Modern begehbar. Auch sechs kleinere Dioramen der Zelle unter dem Titel „Sacred“ schuf Ai Weiwei 2013. Es sind kleine Boxen in denen der Künstler und zwei Soldaten bei täglichen Verrichtungen zu sehen sind. Die totale Kontrolle des chinesischen Machtapparats über den Inhaftierten wird spür- und sichtbar. Indem wir von oben durch eine Luke auf das Geschehen im Diorama blicken, werden wir selbst zum kontrollierenden Auge.

Wie sehr die Politik der KPCh die Kunst Ai Weiweis bedingt, ist auch an einer Reihe von Arbeiten zu dem verheerenden Erdbeben von Sichuan 2008 zu sehen. Dabei starben rund 90.000. Menschen davon über 5000 Schüler und Schülerinnen. Es stellte sich heraus, dass an der Bausubstanz wegen Korruption gespart worden war und zu wenige Eisenverstrebungen in den Bauten verlegt wurden. Die Arretierungseisen stellte Ai Weiwei, so wie er sie gefunden hatte aus. Sie mutieren zum Ready Made des Geschehens. Auch eine Tafel mit 5179 Namen der Opfer hängt in der Albertina Modern. Es ist ein Tintenstrahldruck. Die Namen der Opfer wurden von „Bürgerbewegungen“ zwischen 2008 und 2011 ermittelt.

Der kunsthistorische Blick auf Ai Weiwei enthüllt, dass er seine Umgebung und auch sich als Ready Made in duchampschem Sinn versteht. Er arbeitet mit vorgefundenen Themen und Materialien und setzt sie in einen neuen Kontext. Dies gilt es sowohl für monumentale als auch für kleinere Arbeiten zu bedenken.
Weiters ist das filmische Momentum eine wesentliche Strategie seiner Arbeit. 2015 filmte er Flüchtlingssituationen weltweit, von Kenia bis nach Bagladesh und Lesbos und schuf damit den Film „Human Flow“. Auch dieser ist in der Albertina Modern zu sehen, er wurde erstmals 2017 bei den Filmfestspielen in Venedig aufgeführt. Weiwei lässt darin Fliehende und Hilfeleistende zu Wort kommen.

Mit dieser Ausstellung und seinen Werken gibt Ai Weiwei den Unterdrückten eine Stimme.

Ai Weiwei - In Search of Humanity
16.03 - 04.09.2022

Albertina Modern
1010 Wien, Karlsplatz 5
Tel: +43 1 534 83 -0
Email: info@albertina.at
https://www.albertina.at/albertina-modern/
Öffnungszeiten: täglich 10-18 Uhr


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