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Sophie Calle: Sophie Calle, mon amour

Es gibt KünstlerInnen, die findet man eine Phase lang anregend, solche, denen man die längste Zeit nicht viel Beachtung schenkt und die sich doch im Laufe der Jahre als weg weisend entpuppen und dann gibt es jene KünstlerInnen, die einen begleiten, die identifikationsstiftend sind und einem ans Herz wachsen. Zu letzterer Gruppe zählt für mich die Französin Sophie Calle. Rechtzeitig zu Calles 50igstem Geburtstag veranstaltet das Centre Pompidou eine groß angelegte, längst fällige Retrospektive in ihrer Heimatstadt Paris. Zentral für die Ausstellung ist der letzte Raum: dieser ist einer jungen Frau gewidmet, die von einem Tag auf den anderen spurlos verschwand. Bei Recherchen von Seiten der Polizei stellte sich heraus, dass die Verschollene große Affinität zu Sophie Calle hegte und deren Leben kopieren wollte. Außerdem, so schließt sich der Kreis, war sie als Aufseherin im Centre Pompidou, eben in jenem Raum, den ihr die Künstlerin nun widmet, tätig. Solch zufälligen Details des Lebens schenkte Calle von Anfang an Bedeutung in ihrer künstlerischen Arbeit. 1978 begann sie Unbekannten auf der Straße zu folgen und deren Wege fotografisch festzuhalten, bis sie diese wieder aus den Augen verlor; einmal führte das von Paris bis nach Venedig. Sophie Calle stellt gerne Regeln auf, um sich dann dem Lauf der Dinge, der Eigendynamik ihrer Spiele, die manchmal auch das Leben sind, zu überlassen. Sie nimmt einen mit zu Geschichten, trügerischen Liebschaften, Schmerz und Verwundungen. Das Emotionale und Gefühlsschwangere ist aber stets formal gebändigt, nicht als manische Ansammlung, sondern als investigatives Zur-Schau-stellen, präsentiert. "Doleur exquise" (erlesener Schmerz) erzählt die Geschichte einer Reise, die vom Warten auf das Wiedersehen mit dem Liebsten bestimmt ist und in der sich genau dieses Treffen dann nicht erfüllt. Die Aufbereitung der Geschichte erinnert an den Kreuzweg Christi und tatsächlich sind die Besucher ergriffen von den textlichen Beschreibungen dieser Tage. Der Titel der Ausstellung "M`as tu vue(e)?" (Hast du mich gesehen?) spielt sehr selbst-ironisch mit der Gratwanderung zwischen Narzissmus und Offenbarung, schauspielerischer Fiktion und dem Gefühl, als die, die man ist, erkannt zu werden. Bis Mitte März ist das Kaleidoskop dieser herausragenden französischen Künstlerin noch zu sehen. Wer es bis dahin nicht nach Paris schafft, dem sei der im Prestel Verlag erschienene und exzeptionell schöne Katalog zur Ausstellung (in Englisch oder Französisch) empfohlen.
Mehr Texte von Ana Berlin

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Sophie Calle
19.11.2003 - 15.03.2004

Centre Pompidou
75191 Paris, Paris cedex 04
Tel: +33 (1) 44 78 12 33
http://www.centrepompidou.fr
Öffnungszeiten: täglich von 11.00 bis 21.00 Uhr

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