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Adjustable Monuments: Das Erstarrte verflüssigen

Die Erinnerung und das Gedenken an Menschen und Ereignisse in ewig gültige Formen zu gießen, ist keine Option mehr, so scheint es jedenfalls. Die Düsseldorfer Sammlung Philara versammelt in ihrer Ausstellung „Adjustable Monuments“ einen Kreis alternativer Formen von Denkmälern und Monumenten, weit entfernt von vermeintlich großen Persönlichkeiten auf einem Sockel, weit erhoben über den zur Bewunderung verpflichteten Bürgern. Ohne den Kunstwert der Werke einer überkommenen, lange Zeit statischen, Gedenkkultur in Frage stellen zu müssen, erfordert ein anderes Denken eine neue Sensibilität im Umgang mit ihren Inhalten, erfordert die Beachtung und Wertschätzung von Themen, jenseits tradierter Normen, im Übergang zu einer um Ganzheitlichkeit bemühten Sicht.

Der naheliegende Ausgangspunkt für die beiden Kuratorinnen Katharina Klang und Julika Bosch für ihr ambitioniertes Ausstellungsprojekt war der Sprengstoffanschlag am nicht weit entfernten Düsseldorfer Stadtbahnhof Wehrhahn am 27. Juni 2000, mit mutmaßlich rechtsextremistischem Hintergrund. Zehn Menschen erhielten zum Teil lebensgefährliche Verletzungen, ein ungeborenes Kind fand den Tod. Eine Raum-greifende Installation von Maximiliane Baumgartner (*1986 in Lindenberg) und Alex Wissel (*1983 in Aschaffenburg) thematisiert das Gerichtsverfahren gegen einen der Tat Beschuldigten, mit mutmaßlich rechtsextremistischem Hintergrund, am Landgericht Düsseldorf im Jahr 2017, der mangels Beweise freigesprochen wurde. In Zusammenarbeit mit Madeleine Bernstorff, Ewa Einhorn, Karolin Meunier und Timo Feldhaus, beleuchten sie das Verfahren in Würdigung der Opfer, mit dem Versuch, in Form einer sozialen Skulptur, die Strukturen der Macht im Kontext der Tat und Aufklärung erfahrbar zu machen.

Dieser diskursiven Form der Vermittlung folgen grundsätzlich auch die anderen Beiträge in der Privatsammlung Philara, der Cary und Dan Georg Bronner Stiftung, gegründet von den Eltern ihres Sohns und Treuhänders Gil Bronner, gelegen inmitten des Düsseldorfer Galeriequartiers Flingern. Besonders eindrücklich ist das partizipativ angelegte Projekt von Ülkü Süngün (1970 in Istanbul), die sich der korrekten Aussprache der Namen der zehn Opfer des National Sozialistischen Untergrunds NSU widmet. Sprechen vermittelt hier Identität im Bemühen, um eine Form des Respektes, als notwendigen integrativen Akt, in dem sich das Andere zum Teil des erweitert erlebten Gemeinsamen transformiert.

Sinnbild dieser Vorstellung einer erforderlichen Beweglichkeit und Verflüssigung des Erstarrten, die an die historischen Wurzeln des Denkmals reicht, ist die Darstellung zweier einander sich umwindenden Obelisken auf einem Bettlager Zuzanna Czebatuls (1986 in Miedzyrzecz). Nicht das Streben nach dem Unerreichbaren, sondern ein Akt der Liebe könnte Form des Erinnerns sein. Diese beinhaltet auch die Absage an einen Auftrag, den Azra Akčamija (1976 in Sarajevo) in Cambridge, Massachusetts erhielt, da in der Auswahl der Jury zum Gedenken an die örtliche Frauenrechtsbewegung keine künstlerischen Positionen der Gemeinschaft der gesamten Bandbreite der Gesellschaft vorhanden war, konkret der Black, Indigenous, and People of Color BIPoC. Sie verweist hier auf die Mehrschichtigkeit diskriminatorischer Prozesse bis hinein in die Gegenwart.

An die Abwesenheit eines dann auch im Wesen absurden Gedenkens richtet sich der leere Sockel eines Denkmals für die Musikerin Samantha Fox von Michael Blum (*1966 in Jerusalem) vor den Räumen der Sammlung im Freien. Die Geschichte solch möglicher, absurd anmutender Denkmäler, untersucht Aleksanda Domanoviç (*1981 in Novi Sad) in den Ländern der ehemaligen Bundesrepublik Jugoslawien, die Bruce Lee oder Silvester Stallone gewidmet waren, als integrativ wirkender Ersatz für ideologisch desavouierte Personen der Geschichte. Anders die Wiederaufnahme eigener Bilder aus der Kindheit des Kosovo-Exilanten Petrit Halilaj (*1986 in Kosterrc), der Landschaftsmotive mit Darstellungen der Flucht konterkariert. Es sind Teile einer Installation, die vorab in der Tate St Ives zu sehen waren und unter Brexit-bedingten Schwierigkeiten des Transfers an den Rhein gelangten.

Drei weitere Positionen widmen sich Gemeinschaften mit Bezug zu Afrika. Die erst in Philadelphia und jetzt in Los Angeles ansässigen Gruppe Black Quantum Futurism artikuliert eigene Konzepte von Zeitlichkeit und Geschichte, ergänzend und korrigierend zu normativen europäisch basierten Strategien der Vermittlung von Wirklichkeit. Ayrson Heráclito (*1968 in Macaúbas) filmt Reinigungsrituale im Senegal und Brasilien, unter Bezug auf den unvorstellbar grausamen Sklavenhandel und seinen, bis heute fortwährenden, Folgen. Danielle Brathwhaite-Shirley (*1995 in London) widmet sich exklusiv der schwarz-afrikanischen Kultur transidentischer Menschen, in einer Mischung aus Environment und Computerspiel. Dieses Werk schließt ausdrücklich jene aus, die sich als Gegner dieses Themas behaupten, eine Haltung, in der eine Wut zur Negation der eigenen Existenz manifest wird.

Wie also umgehen, mit Teilen der Öffentlichkeit und des Publikums, die reale Gegebenheiten leugnet, wie auch dem Holodomor in der ehemaligen Sowjetunion?

Einen ergänzenden Beitrag liefert Zuzanna Czebatuls mit zehn Studenten der Vysoké učeni technické v Brně, der Technischen Universität in Brünn. Sie realisierten Modelle für ungewöhnliche Themen und Formen des Gedenkens. So spiegelt einer dieser Entwürfe heutige Menschen und Umgebung, vielfach gebrochen, den größten Fürsten Düsseldorfs, Johann Wilhelm von der Pfalz, auf seinem Reiterdenkmal. Geschichte(n) neu denken, ist vielleicht kein Vorschlag, sondern eine andauernde Notwendigkeit und die Formen müssen beweglich sein.

Adjustable Monuments
26.02 - 26.06.2022

Philara
40233 Düsseldorf, Birkenstraße 47
Email: info@philara.de
http://www.philara.de
Öffnungszeiten: Fr 16-20, Sa, So 14-18 h


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