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Nora Turato - ri-mEm-buhr THuh mUHn-ee: Jenseits von Sprache, Gesang und Emanzipation - Ein sprachliches Ornament

Ganz gleich, ob Schriftbilder, die wie Bildschirme mit diffusen aber nichtsdestotrotz reizvoll-hippen Botschaften aussehen, exzessiv-schlüpfrige  Spoken Word Performances, die auch als verbal vomits im digitalen Zeitalter bezeichnet werden oder eine, wie derzeit in der Secession gezeigte, lichtarme Audioinstallation, – Nora Turato (* 1991, Zagreb) buhlt in ihren konzentrierten Settings mitreißend, kreischend und mit ungebremstem Erfolg um unsere Aufmerksamkeit.

Es geht um Redewendungen, Phrasen, Mängel, Befürchtungen und vielleicht sogar Zukunftssorgen. Die schlammigen Informationsströme der Welt, die sich im Turatos Kunstschaffen entweder als materielle Wahrnehmung in Bildern oder immateriell in akustischen Werken einnisten (wie tief ist kaum festzustellen) – regelmäßig in Form fragmentarischer Idiome, obszöner News und Zitate aus allen ihr zugänglichen sozialen und neuen Medien aus dem Internet, sowie auch eigener Kommentare – all diese linguistischen „Potpourris“ gestalten sich wie eine komprimierte Dramödie, zumeist auch im Hinblick auf Erlangung von Selbstbehauptung und Selfempowerment als Frau und Künstlerin und angesichts von vielerlei Signalen und Nachrichten, die sich gegenseitig wieder aufheben.

In der Secession versucht Turato die dissoziative Vielfalt der Sprache wirkungsvoll zu orchestrieren. Pünktlich zu ihrer Ausstellungseröffnung um 19 Uhr, die gemeinsam mit den Ausstellungen zweier anderer Künstlerinnen (Nairy Baghramian, Sarah Rapson) in getrennten Räumen stattfindet, startet sie ihre etwas mehr als 20. Minuten dauernde Sprechperformance, wohl nicht zufällig im Saal mit dem weltberühmten Beethovenfries von Gustav Klimt. Diese historische Kulisse, die auch die Apotheose der Musik ergründet, scheint perfekt geeignet zu sein für Turatos klanglichen Monologauftritt, währenddessen sie, wie bereits öfters (z.B. Manifesta in Palermo) schauspielerisch einstudierte, angeeignete und eigene Texte mit wechselhaften Stimmschattierungen und Lautamplituden im Eiltempo gekonnt rezitiert. Diesmal angezogen wie ein Typ aus dem Brooklyner Plattenladen in die altehrwürdigen Räume der Secession copied&pasted - in schwarzer Hose und einem schwarzen Secession T-Shirt, erhebt sie in ihrer exaltierten Manier und artifiziellen Aufregung „das Recht (und das Versprechen) der Frau auf freie Rede“, die immer noch als nicht ganz selbstverständlich gilt.

Und wenn man nach der Peformance anschließend Turatos Klanginstallation mit einem als ob Track-Titel mEm-buhr THuh mUHn-ee, die wie ein Smartphone brummt und summt, im dunklem Raum des grafischen Kabinetts besucht, in dem lediglich ein roter Lichtpunkt flackert und die Stimme der Künstlerin erklingt, dann erinnert man sich sofort an ihre eigentümliche Körpersprache; ihre energetischen Gesten oder flirrenden Bewegungen, die zwischen rhythmischen Tanzschritten eines Michael Jackson und dem losen Gang des filmischen Anti-Helds wie Joker variieren. Welches Thema oder Dialekte auch immer Nora Turato gerade anspricht, es handelt sich bei ihrem exquisiten rhetorischen Stil mit interdisziplinären Bezügen um Emanzipationsakte bzw. Aufbegehren gegen die Gegenwart und ihre Dämonen. Dabei schafft es die Künstlerin, ähnlich wie ihre ältere Kollegin Marina Abramović über eigene Körpergrenzen hinauszugehen und ihren Bewusstseinszustand mit verblüffender Unverfrorenheit auf das Publikum zu übertragen.

Nora Turato: ri-mEm-buhr THuh mUHn-ee in der Secession Vienna auf Vimeo.

Nora Turato - ri-mEm-buhr THuh mUHn-ee
20.11.2021 - 23.01.2022

Secession
1010 Wien, Friedrichstrasse 12
Tel: +43 1 587 53 07, Fax: +43 1 587 53 07-34
Email: office@secession.at
http://www.secession.at
Öffnungszeiten: Di-So 14-18 h


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