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Dispossession: Eine emphatische Revision in Zeiten der Krise - in Anwesenheit einer Vogelspinne

Ausstellungen wie „Disposession“ sind ein ziemlich langes und lästiges Unterfangen und stellen in der Wiener Kunstlandschaft eine Ausnahmeerscheinung dar. Im Auftrag von Tim Voss, dem Ex-Leiter der ebenso prominenten wie einmal einflussreichen Wiener Künstlerhaus Vereinigung im Künstlerhaus (gegründet 1861), kuratierte die in Wien geborene Künstlerin Ariane Müller (derzeit lebt sie hauptsächlich in Berlin) eine mehrere Zeitebenen und Sichtweisen zugleich aufgreifende Ausstellung. Sie bildet den zweiten Abschnitt einer Trilogie zum Thema der nicht tiefgreifend genug bewältigten NS-Vergangenheit des gerade neu renovierten Künstlerhauses und der neben der Albertina Modern neu positionierten Künstlerhaus Vereinigung. Das bautechnisch purifizierte Äußere und Innere des historischen Gebäudes, dessen Alterungsspuren entfernt wurden, stehen in einem seltsamen Kontrast zur unaufgearbeiteten Geschichte der Institution. Auch eventuelle Wiedergutmachung der Enteigneten und Ausgestoßenen steht immer noch zur Debatte. 

Diese so gut wie unlösbare Aufgabe mit der „düsteren“ Geschichte fertig zu werden unternehmen die Kuratorin und die eingeladenen Künstler:innen der Gegenwart, die weder Mitglieder des Künstlerhauses sind, noch nehmen die gezeigten Werke auf die Geschichte des Künstlerhauses direkt Bezug. Diese programmatische „Fremdbestimmung“ samt der Indifferenz des künstlerischen Agierens wirken vorerst wie eine Behandlung mit einem Placebo. Wobei der im Ausstellungstitel genannte Akt der „Dispossession“, welcher hier für den Verlauf bzw. das Ende einer künstlerischen Karriere steht, Bezug nimmt auf die für die NS-Diktatur typische Inbesitznahme durch ein An- und Enteignungs-Prozedere sowie die  akribische Definition, was die Norm oder Regel bezüglich Rasse, Klasse, Geschlecht sein soll. In diese Kategorie gehört auch die Ausweglosigkeit, die unlängst auch in der „Black Lives Matter“- Bewegung mit tödlichen Konsequenzen zu beobachten war. Angesichts der nicht so bekannten Tatsache, dass die Künstlerhaus Vereinigung, fast so schlimm wie in Londoner Herrenclubs bis heute, Frauen erst ab 1961 zuließ, ist dieses Projekt ebenso aus feministischer Perspektive und in Opposition zu tradierten patriarchalen Strukturen in der Kultur damaliger und (heutiger) Zeit konzipiert. Die letzte Option äußert sich fast karikaturartig in einem der Historie gewidmeten Parcours-Raum, in dem die Jury-Mitglieder der damaligen Künstlervereinigung als mickrige Pappfiguren, einige von ihnen Zigaretten rauchend, entscheiden, welche Kunst der Künstlervereinigung „würdig“ war.

Als Antithese zu dieser dicht mit machohafter Männergesellschaft bespielten Räumlichkeit steht am Anfang und Ende der Ausstellung beiderseits ein rechteckiger, aseptisch-modern anmutender Saal, der das Gefühl von Leere und Abwesenheit zum Ausdruck bringt. Der Däne Henrik Olesen hat speziell für den Anlass gläserne Kästen angefertigt und sie in variierenden Abständen an je zwei Wände montiert. Die im unterschiedlich großen Vitrinen mit diversen Spuren ihrer Entleerung, wie Klebereste oder Beschriftungen sind eben nicht neu und sauber wie die minimalistischen Quader von Donald Judd, sondern gebraucht, zerbrechlich und entwertet. Im Wandtext spricht Ariane Müller von „psychologischen Studien von Menschen“ in Zeiten ihrer  gläsernen Reproduktion. Ebenso schwer greifbar im Hinblick auf konkrete Genesungslösungen sind andere, ausschließlich installative und abwechslungsreich in diversen Medien choreografierte Arbeiten von Künstlerpersönlichkeiten wie Linda Bilda und Stephan Janitzky, die sich seit Jahren kontinuierlich mit Identitätszuschreibungen bzw. ihrer Enteignung beschäftigen. Einer stummen aber brisanten Präsenz der länglichen Betonarbeit von Anita Leisz, folgt im Ausstellungsrundgang die in Blau leuchtende Neonarbeit von Sophie Lillie & Arye Wachsmuth. Die nie wirklich erfolgte Restitution wird durch die eigentlich schauderhafte Phrase einer späten Gerechtigkeit Endsieger sind dennoch wir voll Bitterkeit kommentiert. Die zeichnerischen Studien für den posthumanen Comic von Linda Bilda Die Macht der Spinne wird brechen, in deren Zentrum statt eines Menschen eben eine Vogelspinne steht, überwacht die lebendige Protagonistin persönlich in einer Glasvitrine, zur Untätigkeit verdammt.

Alle diese zum Teil beklemmenden Szenarios sind Vorgriffe auf das historische Herzstück von „Dispossession“. Verwaschene Biographien, im Künstlerhaus-Archiv gefundene Korrespondenzen und nur zum Teil auffindbare Kunstwerke erzählen über die dem Schicksal überlassenen Mitglieder der Künstlerhaus Vereinigung vor, während und nach der nazi-Herrschaft. Diskussionen zum Umgang von Institutionen mit dem problematischen Erbe begleiten die Ausstellung. Darin regte die Künstlerin Bea Schlingelhoff, die im Kunstverein München die Komplizenschaft dieser verdienstvollen Institution mit dem NS-Regime in einem Projekt 2021 radikal aufzeigte (--> Link zur Ausstellung) für das Künstlerhaus zuerst die Änderung seines heteronormativen Namens vor. Ein Gedanke, über den es sich lohnt, für den anzustrebenden Neustart den Kopf zu zerbrechen.

Dispossession
23.09.2021 - 16.01.2022

Künstlerhaus Wien
1010 Wien, Karlsplatz 5
Tel: +43 1 587 96 63
Email: office@k-haus.at
http://www.k-haus.at
Öffnungszeiten: täglich 10-18 h, Mi + Fr 10-22 h


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