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Laura Põld - Doing What They Do Best: Und dann sind wir für eine Weile nur noch ein schönes, pulsierendes Gewebe

Mit dem von Jaan Evart gestalteten Booklet in der Hand nehmen wir Platz auf der „Landkarte“ (2021), umgeben von Keramik, Garn, Jute, Stahl, Sperrholz, Fundstücken und: wir lauschen. „What is that buzzing? We look up from our pixelated screens out into a pixelated landscape. Giant tractors enact worm-like behaviours, plowing rectangular blocks of plush field. We look out on the evenly spaced rows of corn, wheat and beans, each calculated to store a precise energy unit which will be harvested, ground, combined and pressed into geometric shapes that we will press into our rounded mouths, burrowing through our intestinal tracts, digested and decaying matter.“ steht in „Family Matter“ von Lou Sheppard, dem Text zur Ausstellung bzw. deren konstituierendem „Ding“. Damit ist gleichzeitig eine Leserichtung vorgezeichnet, ist Orientierung gegeben, in „DOING WHAT THEY DO BEST“ von Laura Põlds im Kunstraum Memphis in Linz, der aktuell einem Wurmloch gleich uns ins Gedächtnis surrt.

Verdaute Materie, hingeworfen und zurechtgestutzt, grün unterlegt, umrahmt, kontextualisiert. Erzählt wird von einer Natur, die sich der Mensch aneignet, für sich nutzt und damit (auch) zerstört. Plötzlich fühlt man sich an Proudhons „La propriété c’est le vol“ erinnert, möchte Partei für „das Außerhalb des Menschlichen Seiende“ ergreifen und hofft inmitten all der Skulpturen und Landschaftsmodellen, dass die Schutzzonen (noch) zunehmen werden. „Before we can wonder acidic rain starts hitting our streaming body, though, it isn’t fair to call it a body anymore. We are now ground matter, a mineral rich humus, a pile of dirt. (…) We don’t remember ourselves, as much as we remember how we are connected to others – feeding, fucking, feeling.“ Sheppards Text liest sich als eine Schilderung unserer Entfremdung, als Schichtung in einem Myzelnetz, in dem wir keine Einheit mehr bilden und: zerfallen. „And then nothing. Nothing. Dissolving. Or not nothing, but everything.“

Die Installation lässt sich als eine konzeptionelle und meditative Übung von den beiden Künstler:innen/Autor:innen lesen, eine Konversation durch Materialien und Objekte. Aber was hält uns (noch), wenn schlängelnde Finger den Tunnel entlang gleiten, kratzen und nach uns schnappen? „And the deep from within the flesh of the hand an answering call of other electrons. An electric current runs through us. We are comforted by their voices.“ Sheppard spricht von Ökonomie als unser gegenwärtiges Netzwerk, in das wir verwoben sind, und führt ein anderes Wort – Ökologie – ins Feld, als „the function of the family“ und folgendes, nicht oft genug zu erwähnendes (Theorie)Gebilde: Kin. Höchst assoziativ und rätselhaft erscheint die Erzählung, die Põlds Arbeiten (unter)füttert. Text und Bild sind hier eng verwandt, bilden eine Einheit: „To be kin means that you are family, literally of the same kind. We turn the word over and over, thinking of the many states we have been and will be, thinking about the vibrations of our siblings that we hear all around us.“ Wir alle sind verschiedene Ansammlungen derselben Materie, entstammen und sind Teil von Gebilden, handeln und bewirken, werden wechselseitig beeinflusst.

„Je kultivierter eine Region, desto geometrischer werden die Muster; Unregelmäßigkeiten und Wildwuchs verraten verlassene Orte, Chaos, Armut und Anarchie.“ heißt es im Booklet zur Ausstellung der estnischen Künstlerin, deren Ausgangspunkt u.a. Forschungen der ersten deutsch-baltischen Agrarchemikerin Margarete von Wrangell (1877-1932) darstellen. „Feel“ (2021)  – Garn, Jute, Sperrholz. „What does it mean to be in kinship with all other matter? What familiarities can we find with the animals and plants who feed us? And what about the air, the rocks, the soil, the giant tractors (…)?“ Während Põld die Materie selbst fassbar macht, kreist Sheppards präzise poetische Sprache um die Bewegungen der Kreatur, das Verhalten von Mensch und Wurm und die Verwandlungen des Materials. Vom Regenwurm zum Kompost, vom lebenshungrigen Fressen durch den mäandernden Darm in den Kreislauf der Ökonomie - vom Schlamm zurück in den Sumpf. „It’s a shared reflection on the aliveness of all matter. About being connected to all matter – and what that means.“

„DOING WHAT THEY DO BEST“ gehen Arbeiten voraus, deren theoretischer Leitfaden in den Texten der Philosophin und Ökomaterialistin Jane Bennett liegt, in ihren Überlegungen zur Natur, Ethik und den Objekten außerhalb der engen menschlichen Erfahrung (vgl. „vitaler Materialismus“). Damit ist Põlds künstlerische Praxis subtile Kritik und (künstlerischer) Aktionismus, die sich den Beziehungen zwischen Menschen und anderen Tieren, den Erhalt der Artenvielfalt und der natürlichen Lebensräume annimmt. Es ist das Dickicht oder die vom Menschen kontaminierte Natur, die Põlds Weltgefühl und damit unsere Rezeption/Wahrnehmung formen. Dazu greift sie auf u.a. kulturelle Rituale zurück, konzentriert sich auf die Wahl der Materialien und deren historischen Kontext und setzt traditionelle Handwerkstechniken ein, um Erinnerung und Praxis zu (be)wahren und die Poetik des (organischen) Raumes zugänglich zu machen, in den wir eingefriedet sind.

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Titelzitat (dt.) aus dem Text „Family Matter“ (2021) von Lou Sheppard.

Laura Põld - Doing What They Do Best
02.05 - 05.06.2021

Memphis
4020 Linz, Untere Donaulände 12
Email: office@memphismemph.is
http://memphismemph.is/
Öffnungszeiten: Mo,Di,Do,Fr 13-18 h


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