(02.10.08)
Tiroler Künstlerschaft / Kunstpavillon
Tanja Ostojic - Integration Impossible 19.09.08 bis 08.11.08
Konsequent politisch
Im Jahr 2000 bietet sich Tanja Ostojic auf dem EU-Heiratsmarkt an, das Foto der Kontaktanzeige zeigt die nackte, kahlrasierte Künstlerin, der Titel „Looking for a husband with EU-Passport“ lässt keine Zweifel an den Beweggründen aufkommen: Assoziationen zu einschlägigen Ost-West-Partnerbörsen im Internet erwünscht, ihre migrationspolitische Dimension zugleich schonungslos entlarvend. Als passender Anwärter für eine Eheschließung erweist sich nach mehrmonatigem Briefwechsel ein deutscher Künstlerkollege, das erste Treffen in Belgrad wird als öffentliche Performance inszeniert. Das Paar heiratet, Ostojic beantragt ein Visum, zieht nach Düsseldorf, besucht die vorgeschriebenen Deutschkurse, kurz: Sie beschreitet exakt jenen Weg, der für Frauen oft der einzige in die EU ist und dessen düstere Konsequenzen Frauenhandel und Prostitution sind. 2005 organisiert Ostojic schließlich eine „Divorce Party“, die anlässlich einer Ausstellungseröffnung gefeiert wird.
Das Projekt - im Rahmen der Ausstellung „Integration Impossible?“ in Fotos, Videos und Briefen dokumentiert - gehört in seiner radikalen, die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit überschreitenden Konsequenz mit zu den bekanntesten der 1972 in Uzice, Serbien, geborenen Künstlerin. Die radikalste Reaktion auf ihr Werk hingegen kam 2005 aus Wien – und bescherte Ostojic zugleich einige öffentliche Aufmerksamkeit: Angesichts der im öffentlichen Raum gezeigten Arbeit „After Courbet“, einer Referenz auf Gustave Courbets Gemälde „L’Origine du Monde“, schrieb die Boulevardpresse einen Skandal herbei, die Fotografie eines mit EU-Slip bekleideten Frauen-Unterleibes wurde nach zwei Tagen entfernt. Gleichwohl hatte Ostojic, ähnlich wie in ihrem Scheinehe-Projekt, mit „After Courbet“ die (Un)möglichkeiten der Teilhabe am elitären Kreis des geeinten Europa aus feministischer Perspektive betrachtet: Sex verkauft sich nicht nur gut, er ist mitunter auch das Eintrittsgeld. Die Grenzen zwischen Performance-Kunst und politischem Aktivismus verschwimmen in anderen Arbeiten der Künstlerin, die vielfach aus eigenen Grenzerfahrungen schöpft. Als ihr Antrag auf ein Visum, mittels dem sie im Jahr 2000 der Einladung einer österreichischen Kunstinstitution folgen wollte, abgelehnt wurde, versuchte sie sich erfolgreich am „Illegal Border Crossing“. Eindringlich ist außerdem die hinter einem Holzverschlag präsentierte Videoinstallation „Naked Life“, in der Ostojic die (in Europa staatlich gelenkten!) Deportationsschicksale von Angehörigen der Roma und Sinti zitiert, während sie sich Stück für Stück ihre Kleidung entledigt: Das nackte Überleben zählt.
Ivona Jelcic

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