Alte Pinakothek
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Arnulf Rainer - Der Übermaler
10.06.10 bis 05.09.10
„Rubens´ Frau hat mir einfach zugezwinkert“
„Ein Mal in der Woche muss ich ganz allein sein, dann schließ´ ich mich ein, geh´ im Atelier herum, kehr´ mit dem Besen zusammen, was so herumliegt und dann kommt langsam die Idee, welcher Pinselstrich als nächster fällig ist. Ich male dann den ganzen Tag, solang ich durchhalten kann. Es darf mich niemand stören und es gibt nur grünen Tee“, selten hat Arnulf Rainer so frei und ruhig über seine Kunst gesprochen, war sich so klar über seine Motive und seinen Weg, den er noch einmal durchgeht, als würde er für sich selbst noch einmal prüfen, was wirklich wichtig ist: die ersten Übermalungen, die Grimassen-Serien, die Totenmasken, die Kreuze. Die ersten Übermalungen entstanden 1953 aus der Not. Arnulf Rainer hatte kein Geld für neue Leinwände, also besorgte er Bilder auf dem Flohmarkt und übermalte sie. Dieses Prinzip verfolgt er bis heute, auch in den neuesten Arbeiten in seiner aktuellen Ausstellung in der Alten Pinakothek in MÜnchen. Bilder von Boucher, Giorgione, Rubens und Velàzquez hat er sich jüngst vorgenommen. Nein, er sei sich nicht bewusst gewesen, dass er damals, Anfang der 50er Jahre gerade ein eigenständiges ästhetisches Prinzip erfunden habe: „Ich hab das gar nicht gemerkt, nur die Anderen, die Kritiker, die haben dann dieses Wort geprägt: Übermalungen“. Ich war relativ naiv und hab´ geglaubt, das ist gar keine Kategorie, sondern eine äußere, durch Geldmangel entstandene technische Angelegenheit. Aber dann bin ich immer wählerischer mit den Motiven geworden, die ich mir aussuchte.“ Da sitzt er vor seinen Bildern in der Alten Pinakothek, ist gar nicht so esoterisch, wie er es auch sein kann, sondern vor allem demütig. Dieses Übermalen von Bildern könnte man ja auch als ein Messen mit einer anderen künstlerischen Kraft sehen, mit diesem Gegenüber auf der Leinwand. Ein Konkurrieren, hält das Eigene dem Anderen stand und umgekehrt? „Nein“, meint er da, „ich hab´ ja nie das Gefühl, dass ich den übertreff´, zum Beispiel Rembrandt, „Die Geißblattlaube“, das Selbstbildnis mit seiner ersten Frau Isabella Brant, das kann ich nicht übertreffen. Ich kann das nur kippen oder wandeln oder einen anderen Ausdruck hineinbringen“. Bescheiden klingt das, und irgendwie gar nicht nach Arnulf Rainer. Dennoch: auch die jüngsten Bilder haben eine eigene Kraft. Die Farben sind großartig, zum Teil entstehen sie durch Filter und Folien, die der Österreicher vor die Linse spannt, bevor er eine Fotografie der Vorlage – entweder vom Original oder aus einem Kunstbuch - anfertigt. In den jüngsten Bildern, denen Werke Alter Meister der Alten Pinakothek zugrunde liegen, geht es ihm gar nicht um sein Verhältnis zu bestimmten Künstlern, sondern allein um die Gesichter, die in ihren Bildern auftauchen. „Isabella Brant hat mir einfach – wie heißt das mit dem Auge? – zugezwinkert. Und dann dachte ich mir, die will im Rainer-Stil dargestellt werden.“
Die Auswahl der Bilder, die die Alte Pinakothek zeigt, ist hervorragend, ein Grossteil der Werke kommt aus der Sammlung des Künstlers selbst. Und was, wenn nicht seine besten Arbeiten behält sich ein Künstler selbst vor? Der 80jährige ist noch immer ganz nah an der Gegenwart, kein Thema bringt ihn in Verlegenheit, nur wenn er aufgefordert ist, über die Religiosität zu sprechen, die er bei Giotto oder Cimabue empfindet. Themenwechsel: was hält er eigentlich, der selbst unter ärztlicher Aufsicht mit LSD experimentiert hat, von der jüngsten Diskussion über Braindoping oder Neuroenhancement? Soll man Medikamente gesunden Menschen zur Verfügung stellen, die diese zur Leistungssteigerung, Kreativitätsmaximierung oder Persönlichkeitserweiterung einsetzen? „Da muss immer ein Arzt dabei sein. Zu meinen LSD-Erfahrungen: Mitte der 60er Jahre hat es am Max-Planck-Institut so eine Versuchsreihe gegeben, die Ärzte wollten sehen, wie das bei Künstlern funktioniert, wie sich eine Modellpsychose künstlerisch äußert. Ich muss sagen, bei dieser Dosis habe ich nicht arbeiten können. Vielleicht gibt’s eine Phantasielockerung, das ist kreativitätsfördernd, aber sein muss das nicht.“ Wichtiger für seine Arbeit ist genug Platz, Oberlicht und sein „Farbwagerl“. Das zieht er durchs Atelier, wenn er im österreichischen Enzenkirchen ist und mit den Übermalungen von Frauengesichtern weitermacht, zum Teil Filmstars, aber auch unbekannte Frauen. Angeblich haben die ihm alle zugezwinkert.
Astrid Mayerle
Alte Pinakothek
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