03.05.2010
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Zeichen und Bild. Zur Eröffnung des Zelko Wiener Kunstarchivs
Was bedeutet es, festzustellen, dass im Oeuvre Zelko Wieners das Bildzeichen eine besondere Rolle spielt? Es zeigt sich darin die Suche nach einem Medium, das nicht nur Äquivalent sinnlicher Wahrnehmung ist, sondern auch Ausdruck einer Systematisierung, einer vielleicht gar universalen Codierung, der alte avantgardistische Traum. Zeichen, die, wie die Arbeit Basso von 1983 zeigt, neben ihrer schriftlichen Codifizierung auch figurale Präsenz sichtbar machen, verweisen zum einen auf gesellschaftliche Normierungsprozesse. Sie besitzen aber über den standardisierten Gebrauch hinaus noch ein anderes, ikonisches Dasein, das sie bildhaft werden lässt. Zelko Wiener analysiert beispielsweise mit größter Sensibilität die Destabilisierung konstruktivistischer Bildzeichen im Fragment, der Übermalung, der positiven und der negativen Form, in der Bezeichnung von Figur und Grund. Dass er diese bildorientierten Techniken in die Computergraphik überträgt, wie sich einer unbetitelten Zeichnung und Computergrafik von 1987/88 entnehmen lässt, macht zunächst eines sichtbar: das neue Medium wird aus dem alten entwickelt, es entsteht zunächst keine neue, sondern eine bewusst der traditionellen Bildgattung unterworfene, ästhetische Sprache. Der Bildschirm fungiert hier immer noch als Bildebene, Leinwand, Unterlage, auf die das Zeichen aufgetragen wird. Es ist überaus interessant, im Frühwerk Zelko Wieners jene für die Medienkunst so oft beschworene Schwelle zum digitalen Zeichen nachzuvollziehen. Wiener hat selbst auf dieses eigentümliche Phänomen aufmerksam gemacht, dass im Computer generierte Bilder gerade durch den Ausdruck wieder auf das Papier gebannt werden, das, so bezeichnet er es noch 1989 "klasssiche Speichermedium überhaupt".
Seit der Mitte der 1980er Jahre wird die systematische Beschäftigung mit den künstlerischen Ausdruckmöglichkeiten in den neuen elektronischen Medien zu einem bestimmenden Arbeitsfeld von Zelko Wiener: Als Gründungsmitglied der Gruppe BLIX setzt er den MUPID, einen der ersten, damals bei
der Post mietbaren, Rechner ein. Für das Projekt Kunst-BTX von 1985-86 – das ein halbes Jahr im damals noch eher schwach frequentierten Netz verfügbar war –, entwickelte er ein eigenes Format, das mit seiner zeichenweisen Oberflächengenerierung und seinem gleichermaßen systematischen wie dynamischen Seitenaufbau die Online-Übertragung der Computeranimation ermöglichte. "Hier finden Sie Kunstwerke, Prosa, Lyrik, Töne, Bilder, speziell für BTX entworfen und gestaltet", so der einleitende Farbscreen, gefolgt von bildhaften Zeichensequenzen, die sich vielleicht am ehesten mit dem Begriff der inszenierten Bildstörung und dem Entzug des Zeichens überschreiben lassen. Die Kommunikationsleistung selbst wird in technoid-ornamentalen Bildstrukturen thematisiert und relativiert; selbst das an zeitaktuelle Störungsbilder des Fernsehens erinnernde "Wir bedauern...." in der Animation Ducks aus dem Jahr 1985 wird nur noch als fragmentarisches Systemschrift-Bild gezeigt und fließt übergangslos in die seriellen Rasterstrukturen der kryptischen Zeichenkonstellationen und Zeichenfolgen ein. Dabei wird auch der Dienstleistungsaspekt des neuen Kommunikationsmediums – mit dem "BEDAUERN" über den Entzug der Bild- und Textgehalte – offen gelegt. In der Unklarheit von Zeichen, die sich gegenseitig verdrängen, beschneiden oder überlagern, und der Störung bzw. der Zerstörung der kommunikativen Text- und Bildstrukturen werden – bereits in dieser frühen BTX-Arbeit – die Formen der Bedeutungsgenerierung wie letztlich des Bedeutungsverlustes als bestimmende Merkmale inszeniert. Mit der Form der Seitengenerierung und der medienbedingten Rasterung des Bildes deutet sich zugleich ein neues ästhetisches Moment im Werk Zelko Wieners an: die Zerlegung der Oberfläche in kleine und kleinste Bausteine, die ebenso eine vordefinierte Strukturierung des Bildes – auch jenseits des Bildschirms – erbringen wie diese bewusst zersetzen.
Gabriele Genge & Angela Stercken
(Textauszug aus dem Vortrag anlässlich der Eröffnung des Zelko Wiener Kunstarchivs am 15.4.2010)
www.zelkowiener.net
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