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Paperweights

Eine schöne Beschwerung

Der Wunsch nach Blumenstill-Leben der besonderen Art mag Mitte des 19. Jahrhunderts mit dazu beigetragen haben, dass dekorative Briefbeschwerer, die sogenannten "Paperweights" entstanden, deren gläseren Hülle fragile Blumenbouquets, ebenfalls aus Glas, umfängt. Manche dieser Kugeln wurden zusätzlich mit farbigem Glas überfangen und mit geschliffenen Linsen versehen, um den Einblick auf die kunstvollen Arrangements noch reiz- und effektvoller zu gestalten. Ausser der Millefiori-Technik sind Faden- und Spiralendekors, figürlich oder porträthafte Keramik- oder Metallinkrustationen sowie Tierdarstellungen die häufigsten Gestaltungselemente, um Wirkung zu erzielen und diese gläsernen Briefbeschwerer zu besonderen Sammelpbjekten werden zu lassen.

Im Grunde "nur" Glas
Erwähnt wird die Mosaikglas-Technik, Vorläufer des "Mille Fiore", erstmals im 15. Jahrhundert. Aber erst in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts kommen Dekors aus Millefiore- und Filigranglas richtig in Mode. Das auf der Glas-Insel Murano gehütete Geheimnis der Herstellung farbiger Glasstäbe, ursprünglich Halbware für die Produktion von Glasperlen, blieb nicht gewahrt, obwohl man seitens der Serenissima äußerst bedacht darauf war das Wissen um die hohe Kunst Glaserzeugung nicht in alle Welt zu verbreiten. Dennoch zeigte 1845 der Glasfabrikant Pietro Bigaglia auf der Wiener Gewerbe-Ausstellung als einziger Briefbeschwerer mit Millefiori-Dekor. Das blieb nicht ohne Wirkung: Böhmische und französische Glashütten übernahmen und vervollkommneten die Herstellungsverfahren. In Frankreich sind hier die auf diesem Gebiet führenden Glashütten Baccarat (Cristallerie de Baccarat), Saint Louis (Compagnie des Verreries et Cristalleries de Saint Louis) und Clichy zu nennen, die - eine jede durch ihre produktionstechnischen Eigenarten - den dort hergestellten Paperweights eine jeweils eigene Charakteristik verliehen. Erzeugnisse von Baccarat zeichnen sich etwa durch dichte Blumenpolster aus, plastische Früchte und Blütenkränze in den massiven Bleiglaskugeln sind für Saint-Louis typisch. Clichy, mit einer nur kurz von 1846 bis 1852 währenden Blütezeit, ist die wahrhaft meisterliche "Clichy-Rose" zu verdanken, ein filigranes Kunstwerk in Glas. Briefbeschwerer mit solch einem Motiv galten damals schon als kostspielige Besonderheit und sind heute Prunkstücke so mancher Sammlungen. Die frühesten Stücke französischer Provenienz sind um 1845 datierbar, Baccarat zeigte auf Pariser Gewerbeausstellung 1849 die ersten Briefbeschwerer. Ende der 40er bis in die frühen 50er Jahre übertraf die Qualität der französischen Produkte die Erzeugnisse der böhmischen Glashütten. Aber auch in Großbritannien war man nicht untätig: aus den Manufakturen James Powell & Sons sowie George Bacchus & Sons sind erste "Glass Paper Weights" schon um 1835 bekannt. Allerdings handelt es sich dabei um äußerst geringe Produktionsmengen, verglichen mit den böhmischen Importen. In der neuen Welt waren es Emigranten aus Frankreich und England, die ihr technisches Wissen und glaskünstlerisches Können unter Beweis stellten. Speziell die "New England Glass Company" mit der Darstellung vollplastischer Früchte in Glas ist hier zu nennen, oder auch das namhafte Untrenehmen "Boston & Sandwick".

Von Glas umfangen
Der Reiz von Paperweights liegt nicht allein in den filigranen Motiven, sondern in der Verwendung von bleihaltigem, schwerem Glas mit brillianten lichtbrechenden Eigenschaften. Sie verstärken den Vergrößerungseffekt der Kugelkrümmung über dem flach gewölbten Dekorpolstern. Späte Kugeln, namentlich von Glashütten aus Böhmen, dem bayerischen Wald oder sogar aus Brunn am Gebirge im Süden Wiens, aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sind ein guter Einstieg in dieses Sammelgebiet. Dies aus mehreren Gründen: Einerseits liegen die Produktionszahlen solcher oft facettierten Paperweights höher, zum anderen gibt es eine Größen- und Dekorvielfalt, die hier den Reiz ausmacht, auch wenn sich "im Glas" weniger Opulenz entfaltet. Achten sollte man jedoch auf die Verarbeitung, gibt es doch Billigprodukte, deren Erwerb keinesfalls lohnt. Seit den fünfziger Jahren werden im Übrigen bei Baccarat und Saint-Louis wieder Paperweights, teils in modernen Formen, teils nach klassischen Modellen limitiert aufgelegt. Wer moderne Glasmacherkunst schätzt, dem werden Paperweights von Paul Ysarts ein Begriff sein. In Schottland ist ausserdem die Caithness Glass Ltd in Wick zu nennen, sowie einige amerikanische Paperweight-Studios (u.a. Paul Joseph Stankard, Charles Kaziun) die auf diesem Gebiet Hervorragendes leisten.

Wie wird gesammelt
Bestimmend, um eine in Umfang und Qualität möglichst geschlossene Sammlung aufzubauen, sind Dekor, Manufaktur oder eine bestimmte Zeitperiode. Die Herstellung qualitativ hochwertiger Kugeln war bis zur industriellen Fertigung ein aufwendiges und technisch höchst anspruchsvolles Unterfangen. Deshalb sind Manufaktur-Paperweights keinesfalls als Massenware einzustufen. Man findet sie normalerweise bei auf Glas spezialisierten Antiquitätenhändlern oder Spezialauktionen zum Thema "Paperweights", die überwiegend in Frankreich, Großbritannien (Sotheby`s, Christie`s, einmal bisher auch bei den Wiener Kunst Auktionen) oder USA stattfinden. Dort gibt es auch eine entsprechende Sammlerszene und fallweise Spezial-Märkte, wo man fündig werden kann. Vorsicht ist jedoch bei Kopien geboten, die ohne nötige Sachkenntnis für den Laien nur sehr schwer zu erkennen sind. Eine Gravur allein besagt noch lange nichts, da müssen andere Qualitätskriterien (Form, belegbarer Herkunftsnachweis u.ä.) zur Bestimmung herangezogen werden.

Pflege und Reparatur
Eigentlich sollte man nur unbeschädigte Stücke in sehr gutem Zustand erwerben. Was aber, wenn ein an sich sehr schönens Stück Kratzer oder Absplitterungen aufweist ? Solche Beschädigungen der äußersten Glasschicht sind reparierbar und können durch Polierene beseitigt werden. Ist die Kugel bestossen, muß vom Fachmann, also einem Glasschleifer, geschliffen werden. Dabei bleiben leichte, spürbare Vertiefungen zurück, die sich aber nur mit etwas Gespür ertasten lassen. Solche Rettungsmaßnahmen können kostspielig sein und schließlich den Wert eines Paperweights leicht übersteigen. Sprünge im Glas sind nicht reparierbar, da sollte man selbst bei einem sehr günstigen Preis auf den Kauf verzichten.

Literaturauswahl
Art Institute of Chicago: Glass Paperweights.- Chicago 1991
Flemming, Monika, Pommerencke, Peter: Paperweights. Gläserne Briefbeschwerer. - Augsburg 1993
Spiegl, Walter: Paperweights. Briefbeschwerer aus Glas von der klassischen Periode um 1850 bis in die Gegenwart. - 1996 München

Auktionen/Kunsthandlungen
Heilbronner Kunst- und Auktionshaus Dr. Fischer
D-74074 Heilbronn
Christie`s
Sotheby`s

in Österreich
Wiener Kunst Auktionen
Glasgalerie Michael Kovacek

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Mosaikglas älter
Dr. W.Schmidbauer, München | 17.03.2006 09:19 | antworten
Wollte auf einen Fehler hinweisen: Mosaikglas ist seit der Antike bekannt, nicht , wie es in dem Artikel heisst, seit dem 15. Jahrhundert. Die ersten Millefiori-Perlen, die oft schöner sind als die aus Murano, wurden in hellenistischer Zeit in Alexandria produziert. Vgl. z.B. "Beads of the world".

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