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„Guernica“ als Puzzle

Es erscheint als konsequente Entwicklung, dass die 14. Ausgabe der documenta den Trend seit den frühen 2000er-Jahren fortsetzt und Kunst von der Peripherie des internationalen Kunstgeschehens in dessen Zentrum holt. Und dieses Zentrum befindet sich 2017 nicht mehr nur in Kassel, dem angestammten Sitz der wichtigsten Kunstausstellungsreihe der Welt, sondern disloziert auch in Athen, das derzeit als Ort der Krise gilt. Das war kein schlechter Einfall von documenta-14-Leiter Adam Szymczyk. Auch der – immer noch mit der Bezeichnung 'Working Title' versehene – Untertitel 'Von Athen lernen' macht sich gut, denn von Athen ließ sich in der Tat schon früher vieles lernen. Schade ist nur, dass die Ausstellung selbst – zumindest in Kassel – die großen Erwartungen so wenig einzulösen vermag.


Die Idee ist gut, ja hehr, wie man vielleicht noch in den Zeiten des documenta-Initiators Arnold Bode gesagt haben mag. Doch die Ausführung enttäuscht, denn die Kunst auf dieser documenta in Kassel mag diskursiv sein, in zahlreiche vernachlässigte, aber wichtige Themen und Regionen führen, wach rütteln und an das Gewissen appellieren, aber was sie in den seltensten Fällen kann, ist: Als Kunst im Gedächtnis bleiben. So stark lag bei der Werkauswahl der Fokus auf Inhalte, dass die künstlerische Form darüber allzu häufig vernachlässigt wurde. Noch heute sehe ich inhaltlich wie ästhetisch herausragende Werke früherer Ausgaben der documenta vor Augen wie die Installation von Yinka Shonibare auf der documenta 11 oder die Videos 'Cabaret Crusades' von Wael Shawky in der Neuen Galerie auf der documenta 13. Doch außer dem fulminanten 'Wahrzeichen' der diesjährigen Ausgabe, dem erstmals 1983 gezeigten 'Parthenon of Books' der Argentinierin Marta Minujín, der den Platz vor dem Fridericianum dominiert, wird zumindest in meiner Erinnerung nicht allzu viel Kunst bleiben.


Ganz bestimmt erinnern werde ich mich aber doch an Maria Eichhorns raumgreifende Installation 'Rose Valland Institut', in dem die Deutsche mit Bezug auf die gleichnamige Konservatorin des Pariser Musée du Jeu de Paume die Auseinandersetzung mit noch heute in Museen und in Privatbesitz befindlichem Raubgut einfordert. Rose Valland verzeichnete ab 1939 heimlich den großangelegten Kunstraub der Nationalsozialisten in Listen und schuf so die Grundlage für spätere Rückführungen. Erinnern werde ich mich ebenfalls an einen Vorhang aus Rentierschädeln der Norwegerin Máret Ánne Sara, der auf die staatlich verordneten Tötungen dieser Tiere, der Lebensgrundlage des Volks der Samen, hinweist. Nicht vergessen werde ich auch die beiden mit Jutesäcken verhüllten Gebäude der Kasseler Torwache, eine Arbeit des Ghanaers Ibrahim Mahama: Die in Indien hergestellten Säcke dienen zum Transport von Gütern des Welthandels wie Kaffee oder Reis. Als Material zur Verhüllung der Torwache werden sie zu groben, gleichermaßen exotischen wie vertrauten Häuten, deren Beschriftungen und Texturen den postkolonialen Kapitalismus thematisieren.


Erinnern werde ich mich auch an die Wand am Ende der Neuen Galerie mit Werken von Lorenza Böttner, die als armlose, migrierte Transgender-Frau mehrfache Diskriminierungen erlebte und die damit verbundenen Diskurse um Körperlichkeit, Sexualität und das Andere in ein eindrucksvolles gemaltes Oeuvre goss – eine Entdeckung. Schade – und leider typisch für die kuratorischen Unachtsamkeiten in den Ausstellungen dieser documenta – ist nur, dass eine etwas zu enge Nachbarschaft mit einer Arbeit von Alina Szapocznikow für eigenartige Interferenzen sorgt: Unterschiedlich große Kunstharz-Klumpen thematisieren als 'Tumore' die Brustkrebserkrankung der polnischen Bildhauerin.



Documenta 14
10. Juni–17. September 2017
Täglich 10–20 Uhr
www.documenta14.de

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